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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben.

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Unis nur für die Elite?

2020-07-11 11:21

Brian Mulligan schreibt "University Should Be Just for the Elite!" und erwähnt dazu einige Punkte, die ich nicht unkommentiert lassen kann.

"A reasonable motive of governments in subsidising higher education is the creation of happy productive citizens": Ja, aber so langfristig kann sich kaum eine Regierung zu denken und zu planen erlauben. Die nächsten Wahlen sind viel eher. Es dürfte also zunächst darum gehen, zu tun, was die Eltern und vielleicht auch ihre Kinder _heute_ verlangen.

"Those of us working with adults in the workforce know that their intrinsic motivation, and their awareness of relevance, allows them to pick up ideas much more efficiently and learn with much less resource inputs." Das sieht mir nach einem logischen Fehler aus. Heute herrscht eine gefühlte Studierpflicht, so dass man in den üblichen Studiengängen einen breiten Querschnitt sieht. Weiterbildung ist aber optional; dort findet eine Selbstselektion statt. Und trotzdem hält kaum jemand einen MOOC durch. Just saying.

"[S]hould all post-secondary education not be vocational?" – Das ergibt sich vielleicht von selbst, wenn der Arbeitsmarkt sechs Semester PowerPoint-Auswendiglernen oder zehn Semester ideologische Schulung billiger macht als eine Ausbildung zur/zum Anlagenmechaniker*in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Wenn ich mir meine Handwerker*innenrechnungen angucke, beschleicht mich das Gefühl, dass dieser Punkt schon lange hinter uns liegt.

"Using learning technologies, it is not just possible to learn as you work, but it is cheaper and produces better learning outcomes." Dazu würde ich gerne einen Beleg sehen. Ich halte es für plausibler, dass der Lernerfolg viel mehr von Persönlichkeitsfaktoren (und damit von der Kindheit und damit vom Elternhaus) abhängt als von der "Technologie".

"Commentators have more recently suggested that the value of a degree is more in signalling intelligence, endurance and conformity [...]. These signals are important for employers, but if they can be provided in other less wasteful ways" passt nicht zum zugrundeliegenden Konzept des teuren Signals. Ein teures Signal muss teuer sein, sonst ist es keines!

"If such digital credentials prove to be reliable indicators of knowledge, skills and other attributes": Das tun sie schon aus dem Grund nicht, dass man eine Woche nach der betreffenden Prüfung fast alles wieder vergessen hat. Das teure Signal, drei oder mehr Jahre an der Hochschule durchgehalten zu haben, ist dagegen eine ganz andere Nummer. Auch wenn man alles dort "Gelernte" genau so schnell wieder vergessen hat.

"[F]rom the most intelligent, imaginative and passionate people": Aber die können doch auch Uhren und Geigen bauen, schöne Dächer konstruieren usw.

"Perhaps we need the state to identify those young people who have the necessary passion and brilliance": Das finde ich haarsträubend bedenklich. Wollen wir Tests wie SAT und ACT machen, für man sich Vorbereitungskurse leisten können muss – oder einen Anwalt, der einem sagt, wie man mehr Bearbeitungszeit rausschinden kann? Oder wollen wir nachgucken, wer die Muße gehabt hat, den kompletten Konfuzius auswendig zu lernen?

Abschließend ein Wort zur OEB: Die scheint mir fest im bildungsindustriellen Komplex verankert, schon rein preislich.

Kommentar vom 2020-07-11, 13:40

"Ich halte es für plausibler, dass der Lernerfolg viel mehr von Persönlichkeitsfaktoren (und damit von der Kindheit und damit vom Elternhaus) abhängt als von der "Technologie".
Exakt.
Bzw., von direkt und indirekt entsprechenden Parametern wie sozialer Status, ethnischer Zugehörigkeit, Gender etc. Sozialdarwinismus eben.
Auf der einen Seite kann man sagen, ein bedauerlicher Rollback, was da propagiert wird, auf der anderen Seite: War das jemals nicht so? Der Gestus des Artikels ist provokativ, aber in der Essenz wertkonservativ und ähnelt einem "das wird man ja wohl noch sagen dürfen".
Was ich im täglichen Leben mitbekomme: Die High-Tech-Industrie profitiert gerade massiv vom offenen Zugang zu Bildung, Inhalten und Code.
Ob das jetzt schön ist oder nicht, "Open" ist in der Produktion angekommen, und diese Produktionsform wird sich hoffentlich weiter durchsetzen.
Gruesse, RG

Kommentar vom 2020-07-11, 14:03

Ab wann ist man denn Elite? Was ist denn Lernerfolg? Liegt es an den Studis oder an der Art, wie Hochschule funktioniert?
Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Subjektiv fand ich die "wohlhabenden Studis" aber nie besser als mich. Wobei sehr wohl Leute besser waren, deren Eltern selbst Ingenieure waren. Liegt das Behalten von Wissen nicht daran, wie man oft man es anwendet? Und kommt Muße nicht daher, dass man aufgrund der dauerhaften Beschäftigung unbewusst besser und besser wird? Wenn nicht nur zum Zwang des Broterwerbs. Wie sollen Menschen dann besser werden, wenn aufgrund von Geldmangel und übertriebenem Umweltschutz die Hände nicht mehr schmutzig gemacht werden können?
Studierpflicht, kann sein ... Aber sicher nicht bei Arbeiterkindern; die können aufgrund von Lächerlichkeiten wie der RSZ und "Nebenjobs" oft erst gar keine Muße entwickeln.
PS: Auch die "Elite"-Studis wissen, dass es sich um reinen Titelerwerb statt Bildung handelt und wollen einfach fertig werden. Es geht um Kohle.

Kommentar vom 2020-07-11, 14:04

Leider reichen 1000 Zeichen nicht aus, um alles vernünftig auszudrücken und zu erläutern.

Kommentar vom 2020-07-11, 14:50

@RG (13:40): Der Nutzen von "Open" für die High-Tech-Industrie könnte nur noch dadurch übertroffen werden, dass die Leute nicht nur gratis arbeiten, sondern auch noch dafür bezahlen, arbeiten zu dürfen. Oh, halt. J.L.

Kommentar vom 2020-07-11, 15:03

@Kommentator(in) von 14:03: Behalten durch häufige Anwendung: Genau das ist das Problem mit dem Studium, erst recht mit dem Bolonga-Legosteinkonzept. Nehmen wir doch hier noch ein Modul "Ethik" und da noch ein Model "KI" dazu. Oh, "Spanisch" gäbs auch noch ... – Das "Hände nicht mehr schmutzig machen dürfen" ist im Studium weniger eine Folge des Umweltschutzes als eine Folge der 👮 Arbeitssicherheitsbestimmungen. Leute mit Bohrern, Fräsen, Lasern allein lassen? No way. J.L.

Kommentar vom 2020-07-11, 15:20

"OEB" erscheint bei DuckDuckGo auf den ersten zwei Seiten nur als "Olde English Bulldogge". ;-) - So wichtig kann die Messe nicht sein. 900 Euronen [plus MwSt.! J.L.]: ist schon klar, dass es da nicht um Bildungspolitik und demokratische Verständigungsprozesse geht. Die Tagungen vom BDWI kosten den Teilnehmer ein Minimum, solange es diese parteinahen und Gewerkschafts-Siftungen noch gibt. "Bildungsindustrieller Komplex" ist ein großartiger, wahrlich materialistisch geprägter Begriff! shi84y

Kommentar vom 2020-07-11, 18:18

Die Teeniekids der Nachbarin und ich gucken im Samstagsnachmittagsfernsehen den Dr.-Loviscach-Kanal, den kleinen Maulwurf und partielle Differentialgleichungen mit Bananeneis mit heißer Karamelsoße passend zum Thema Divergenz & Diffusion! :-) Schon pervers vom Herrn Mulligan, Unis darzustellen, als ob die Gentlemen's, Golfclubs oder Opernhäuser wären! Er bezieht sich nicht mal auf Willi Brandts "Bildung für alle" von 1969, [Kennt man das in Irland? Da kommt Brian Mulligan her. J.L.] und kostenlose Unis (gabs auch in GB bis 1999).

Kommentar vom 2020-07-11, 22:46

@Kommentator(in) von 15:20: Oh, und ob es da um Bildungspolitik geht, gerade wegen des Preises; das Investment muss sich ja lohnen. Statt auf "demokratische Verständigungsprozesse" (die sind so was von 90er Jahre) setzt man heute aber auf "Change Management". J.L.

Kommentar vom 2020-07-12, 08:54

Hatte der Richard Münch den marxistisch🧙🏻‍♂️🧙🏽‍♂️("industrieller Komplex")-staatstheoretischen (Wettbewerbsstaats-) Begriff eigentlich als erster geprägt? 🕵🏽‍♀️ Die MwSt. kann man sich zurückholen, oder gilt das nicht für Beamte🧑🏽‍🎓? Das Akademiker-Icon irritiert, wenn man mit der Idee einer kritischen Uni aufgewachsen ist, dieses Barrett repräsentiert die alte klassistische Uni, in der Akademiker zu einer eigen Gilde gehörten 👽. Gruselig, gell? Als Sie in Bielefeld oder Bremen studierten, gab es da schlagende Verbindungen?

Kommentar vom 2020-07-12, 11:08

"Change Management" ist ein paar Nummern härter und bedient vordergründig kollektive Wünsche nach Führung, starken Autoritäten etc. Leider sind diese Management-Dispositive eben auch eine Folge der unkritischen fragmentierten Uni-Ausbildung, die Schmalspur-Akademiker erzeugt. Perfiderweise beleidigt der Namen des Prozesses sogar die großen Denker der Städte der Renaissance, unsere kleinen Denker-Probleme haben auf Meta-Ebene dialektisch/logischkomplexe Zusammenhänge kritisch zu erfassen und zu hinterfragen, fallen gerne auf diese neoliberale Management-Schiene/-Dispositive rein.

Kommentar vom 2020-07-12, 11:13

Dabei lassen sich grundlegende Konflikte und die Zeit die man braucht, um Wissen zu reflektieren und damit eigenständig zu arbeiten, nicht einfach so "managen", man müsste sie schon dilatieren. :-D Hier gibt es wirklich immer noch eine Tradition, dass Physiker in Kant-, Hegel-, Adorno-Seminare bei den Philosophen gehen, an der HU und der LMU glaube ich auch. Aber viceversa eher selten. Apropos: "Demokratische Verständigungsprozesse" waren in sich auch eine Form der Ideologie - so hat man die Annexion der Ex-DDR demokratisch legitimiert durchgezogen. Für westdeutsche Habilitierte ohne Lehrstuhl war der wilde Osten zwischen '90 und '93 eine wahre Landnahme. Wissen Sie, ob dieser Lehrstuhl-Kolonialismus, gerade in den Naturwissenschaften, jemals wissenschaftlich aufgearbeitet wurde? Führte DiaMat dazu, dass sozialistische Mathematik und Physik anders rechneten? shi84y

Kommentar vom 2020-07-12, 11:55

@Kommentator(in) von 08:54: Zu Frage 1: Scheint mir so. Zu Frage 2: Nein, die MwSt. darf sich nur zurückholen, wer umsatzsteuerpflichtig ist; an den Hochschulen gilt das allenfalls für kommerzielle Auftragsarbeiten (die eines Dante würdige Hölle der "Trennungsrechnung"). Zur letzten Frage: Habe ich in meinen ganzen Jahren in Academia nie mitbekommen. J.L.

Kommentar vom 2020-07-12, 12:23

@Kommentator(in) von 11:13: Nicht nur die Lehrstühle, sondern ebenso die FH-Professuren. Ich hätte auch eine im Osten haben können. Zu diesem Thema finde ich gerade nur dies. – Ob die sozialistische Mathematik anders gerechnet hat, kann ich nicht unbefangen sagen, weil ich in sehr jungen Jahren durch Gellerts "Kleine" Enzyklopädie Mathematik indoktriniert worden bin. Die Biolog*innen im Osten haben aber natürlich auf jeden Fall anders gerechnet. J.L.

Kommentar vom 2020-07-12, 17:41

Ihr Buchtipp ist ja vom VEB, volkseigenen Buchverlag, 👽 und sogar ins Englische übersetzt worden:
The VNR Concise Encyclopedia of Mathematics.

Kommentar vom 2020-07-24, 19:50

Promotionsgehälter, halbe Stellen für ganze Arbeit, von denen man keine Wohnung bezahlen kann. Eine Karriere, die man vergessen kann, weil man sich nach dem Abi ein paar Jahre rumgetrieben, ein Kind bekommen oder in einer Tanzgruppe durch die Lande gezogen ist. Wissenschaft bzw. in der Wissenschaft arbeiten ist ein durch Neoliberalismus geprägter Karrieretypus; leider ist von dem großen aufklärerischen Anspruch und Projekt nicht so wirklich viel übergeblieben. Kennen Sie das Labourjournal? Aktuell interessante Ausgabe zum Thema Wissenschaftskritik. Beim Lesen einiger Artikel hatte ich den Eindruck bekommen, FH-Professor sei quasi eine Form des Widerstands gegen das aktuelle Publikationszwang- und Drittmitel-Regime. ;-) https://www.laborjournal.de/rubric/aktuell/index.php

Kommentar vom 2020-07-25, 10:10

@Kommentator(in) von 19:50: "Halbe Stellen für ganze Arbeit" ist aber auch eine Frage des Fachgebiets. Etwa auf dem Gebiet Maschinenlernen wird einem das (aktuell) nicht passieren. Angebot und Nachfrage! – Mit einer Tanzgruppe durch die Lande ziehen: Wer kann sich das denn erlauben? – FH-Professur als Widerstand: Nein, nach den Bekenntnissen, die mir zu Ohren kommen, ist die in den meisten Fälle das Scheitern auf dem Weg zum Uni-Lehrstuhl. – "Zwang": Das Absurde ist, dass die verbeamteten Profs Paper und Anträge produzieren (bzw. produzieren lassen), als ob ihr Job davon abhinge. J.L.

Kommentar vom 2020-07-29, 22:09

Naja, für manche hat sich das Hyperpublizieren gelohnt :-), einige der Cracks, die in der auf die SARS-Covid zielenden "Life Science" ;-) Forschung sehr aktiv waren, hängen nun an vielen Litfaßsäulen und Werbewänden der Republik und lächeln die Steuerzahler an, aufgrund unserer Tätigkeit gemeinsam gegen Corona etc. Wenn man Fotos bei Ihnen posten könnte. ;-)

Kommentar vom 2020-07-29, 22:26

@Kommentator(in) von 22:09: Das ist aber vor allem das Hyperpublizieren in den Allerweltsmedien. Überhaupt hilft es dort wie auch beim h-Index sicher sehr, wenn man den Nachnamen eines der Gründerväter der Chemie trägt. J.L.

Kommentar vom 2020-08-03, 12:22

Allerweltsmedien? Meinen Sie: Spektrum, Nature, Science? Ich würde auch lieber konkrete/vorläufige Ergebnisse und Forschungshypothesen zu Covid-19 an Litfaßsäulen lesen als des Uni-Klinikums Mediziner-Gesichter sehen, die milde lächelnd zu Spenden aufrufen. Den Artikel hier könnte man durchaus durch eine !gescheite! PR-Abteilung (ab und an werden Fehler in den Artikeln zu aktueller Forschung der Abteilungen gefunden) wirkungsmächtig umschreiben, um Spenden zu akquirieren. Allein die seriösen Gesichter der Forscher und die Bekenntnisse zum "Forschen aus Leidenschaft", angelehnt an den qualvollen Spruch von einem ehemaliger Förderer der neoliberalen, kundenorientierten Universität "Hier wird Wissen Wirklichkeit" allein rocken es nicht. Der aufgeklärte Bürger möchte seine Intelligenz angerufen sehen, durch Daten und Modelle an Plakatwänden. :-) https://www.nature.com/articles/s41586-020-2601-5

Kommentar vom 2020-08-03, 21:05

@Kommentator(in) von 12:22: Nein, ich meinte Twitter und Tageszeitung. – Aufgeklärte Bürger? Ich sehe vor allem Leute, die endlich ihr Anrecht auf ein Bad in den Massen am Meer wahrnehmen wollen. J.L.

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