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Heterodoxe Bildungswissenschaft?

2020-08-02 11:12

Zwei Indizien aus der jüngsten Zeit sind vielleicht ein Silberstreif am Horizont, dass sich mal etwas in die richtige Richtung bewegt.

Indiz 1: "Ich würde die Behauptung aufstellen, die Hochschuldidaktik sei anfällig für solche vereinfachende Botschaften – sei es über Metaphern oder eben Slogans", schreibt Peter Tremp (S. 31). Und dazu Gabi Reinmann: "[B]eispielsweise [hat sich] der von mir erörterte Slogan 'The Shift from Teaching to Learning' erfolgreich durchgesetzt, wird ständig wiederholt, gilt als Prinzip und wird selten hinterfragt – und wenn doch, löst das geradezu Empörung aus." (S. 32)

Klammer auf. Das in jener Sammlung eigentlich diskutierte "Forschende Lernen" finde ich allerdings fragwürdig – vor allem natürlich, weil das Studium heute eine Berufsausbildung zu sein hat, und zwar keine für eine akademische Karriere. Aber auch in der Praxis sind die Konsequenzen, Forscher*in zu spielen, nervig. Beispiel: wenn studentische Arbeiten nicht von der/dem Betreuer*in betreut werden, sondern einfach zu Konferenzen eingereicht werden – und ich als Gutachter das nicht nur lesen muss, sondern auch noch schreiben muss, warum es Mist ist. Viele Gutachter*innen scheinen das aber nicht zu tun, so dass noch mehr Peinliches veröffentlicht wird. Klammer zu.

Indiz 2: das neue Buch Educational Research – An Unorthodox Introduction von Gert Biesta.

Zwar ist dieses Buch im Mittelteil für mich unverdaulich philosophisch (Habitus-Problem von mir persönlich), aber am Anfang weist es schön ausführlich darauf hin, dass eine Theorie nicht eine (vermeintliche) Wahrheit sein sollte, zu der man sich bekennt, sondern ein Blickwinkel, eine spezifische Antwort auf eine spezifische Frage (S. 11). Zum Beispiel: Was meine ich überhaupt mit "Lernen", wenn ich "Lernen" untersuche? (S. 13)

Das Bildungssystem sei vor allem ein System zur Komplexitätsreduktion, zur Beschränkung von Offenheit und Rückwirkungen, um planmäßige, "evidenzbasierte" ("what works") Bildung möglich zu machen (S. 40). Denn nur im Labor funktionierten die Forschungstechniken sicher (S. 58).

Das Konzept, dass Studierende (allein und voll informiert entscheidende) Kund*innen sind, sei eine 180°-Umkehrung das klassischen Verhältnisses – und ebenso kontraproduktiv; nötig sei vielmehr ein Dialog (S. 107).

Ein großer (Pseudo-)Bedarf an Forschung entstehe dadurch, dass man im akademischen Bereich Forschung nachweisen müsse, um seinen Job bekommen bzw. zu rechtfertigen (S. 150). Die Forschung – nicht zuletzt im Sinne von Action Research im eigenen Klassenzimmer (vgl. Design-Based Reseach?) – sei aber schon dadurch schädlich, dass sie mit dem verkürzten Konzept von Ursache (Intervention) und Wirkung arbeite, wohingegen Bildung die Lernenden zu selbstständig (und damit nicht simpel planbar!) handelnden, denkenden und urteilenden Personen machen solle (S. 151). Allerdings wird sich Biesta hier selbst untreu, indem er nicht diskutiert, welcher Theorie von Bildung er dabei folgt. Es geht augenscheinlich um den Begriff von Bildung, wie er in Sonntagsreden und in Einleitungen von Akkreditierungsanträgen vorkommt. Aber möchten die powers that be ernsthaft solche Mitarbeiter*innen bzw. Staatsbürger*innen? Oder hätten sie Angst, dass dann jede Betriebsversammlung so abläuft (oder genauer: stockt) wie gewisse Parteitage?

Kommentar vom 2020-08-02, 15:09

Der Stoizismus, den man draufhaben muss, um gewisse Gremiumssitzungen oder kafkaeske Parteitage zu ertragen, den würde man von der sozialwissenschaftlichen Milieuanalyse her eher dem Berufsfeld der Bauern und Fließbandarbeiter zuordnen und weniger den Akademikern. ;-) Das Versprechen der Jobs in der Akademia war mal geistige Arbeit! :-D Aber man hat ja seit 2012 immer sein diskretes Spielzeug dabei. – Ich finde es köstlich, wenn Sie die Unerträglichkeit gewisser vermutlich typisch philosophischer Filibusterei in Biestas Buch (die Unibib Frankfurt hat das noch nicht gekauft, so fehlt mir der Genuss des Nachlesens) auf Ihren Habitus zurückführen. Vieles aus dem Bereich der "philosophischen Pädagogik" liest sich leider wirklich wie fantastische Literatur, nur leider ohne die dort typischen Spannungsbögen und interessant ausgestaltete Protagonisten. shi84y

Kommentar vom 2020-08-02, 21:13

"Aber auch in der Praxis sind die Konsequenzen, Forscher*in zu spielen, nervig. Beispiel: wenn studentische Arbeiten nicht von der/dem Betreuer*in betreut werden, sondern einfach zu Konferenzen eingereicht werden" – So ganz verständlich ist mir das nicht. Auf den Konferenzen wird karrierezuweisend vorsortiert; von den Uppermiddleclass-Studies mit Ihrem von zig Auslandsaufenthalten geprägtem AmericanE und der anderen ramshackeld Denglish und dem Behaviour auf der Bühne beim Small Talk weiß man als Zuschauer schon, wer ne Promostelle abgreifen wird. Meist ne ziemlich öde Show. Die Programmankündigungen der Speaker und Tische ;-) bzw. der präsentierten Abschlussarbeiten lesen sich in den Non-MINT-Fächern meist zwischen prätentiös und langweilig.) Aber dass es keine ureigenen Betreuer dieser Arbeiten geben sollte, wäre mir nicht bekannt. Ist das in der Informatik so üblich?

Kommentar vom 2020-08-02, 22:00

@Kommentator(in) von 21:13: "Studentische Arbeiten" sind nicht nur Abschlussarbeiten (die natürlich ebenfalls oft nicht ordentlich betreut werden), sondern auch, was Promovenden so an Papern schreiben (z. B. für eine kumulative Dissertation) und – ganz schlimm –, was studentische Projektgruppen in frühen Bachelor-Semestern abliefern. Es scheint allerhand (Nicht-so-wirklich-)Betreuer*innen zu geben, die nicht verhindern, dass Müll eingereicht wird. Kostet ja nichts – und wenns klappt, hat man eine weitere Publikation auf der Liste. (Lesen tut ja sowieso niemand mehr.) Dieses Phänomen erlebe ich nicht nur in der angewandten Informatik, sondern auch in Ingenieurwissenschaften. J.L.

Kommentar vom 2020-08-03, 12:37

Interessant, dass Sie Promovierende/Promovenden noch als Studenten bezeichnen; im neuen Wortgewirr der akademischen Pompösitäten fällt der "Student" dabei begrifflich oft weg. Der Paper-Tsunami ist natürlich grauenvoll, allein wenn man sich überlegt wie viel Energie vor Jahren noch in die Formalitäten eines halbgaren Papers geflossen ist, puh. Aber besteht nicht die geringe Chance, sich durch miserable Publikationen bei zukünftigen Arbeitgebern, die da sicherlich ;-) reinlesen, zu desavouieren? Besonders bitter, wenn die Inhaltlichen Fehler von Konferenzpublikationen bei den Vorträgen selbst nicht auffallen und auch nicht mit den Betreuern aufgearbeitet werden - wird wohl eher am Desinteresse oder der Terminplanung der meisten Betreuer liegen als an der Beratungsresistenz der Studis? Was sind in den Ingenieurwissenschaften denn eigentlich neben einstürzenden Brücken und dem berühmten teutonischen WLAN-Netz die prominentesten Folgen von solchem korrekturbefreiten Karrierismus?

Kommentar vom 2020-08-03, 21:16

@Kommentator(in) von 12:37: Die Paper werden auch von Berufungskommissionen oder von Kommissionen, die über Förderungen im Mio.-€-Bereich entscheiden, gerne nicht gelesen. Es gibt doch die h-Index-Anzeige in Google Scholar! Wer braucht denn mehr?! – Bei Konferenzen wird genauso butterweich nachgefragt wie in Abschlusskolloquien/Verteidigungen. – Folgen: keine gravierenden, weil man die Inhalte ja im Job sowieso nicht benötigt, nur den Titel. J.L.

Kommentar vom 2020-08-04, 01:15

Kenne ich von Konferenzen an Hochschulen anders. Es kommen immer ein paar streitlustige Senioren à la ich war Chef der Abteilung bei X und bin promovierter Chemiker und das kann doch nicht wahr sein. ;-)

Kommentar vom 2020-08-04, 10:42

@Kommentator(in) von 01:15: Dann scheint da (in der Chemie?!) die Welt noch in Ordnung zu sein. Allerdings weiß ich nicht, was mit "Konferenzen an Hochschulen" gemeint ist. Ich meine die Konferenzen, die von Fachgesellschaften usw. im Jahresturnus oder sogar Halbjahresturnus veranstaltet werden (oft nicht an Hochschulen, sondern in Konferenzzentren, zumindest prä-Corona) und in Tagungsbänden münden. J.L.

Kommentar vom 2020-08-04, 19:14

"Die Welt noch in Ordnung", was für eine schöne Illusion. Vielleicht haben Sie Lust, nen Beitrag zu machen zum Thema: Wie gehen die Bologneser, ;-) nein, also die vom Bologna-Prozess betroffenen Blogleser damit um, wenn sie ihre Tage haben, an denen sie Ausmaß & Tiefe der menschlichen Dummheit à la Anticorona-Demo auch mit üblichen privaten Methoden, des Gärtnerns, anderen Oxytocin-produzierenden Tätigkeiten, Kuschelns, Tanzen, Musik etc, Katzen Hunde etc. versorgen, Lagerfeuer, Thermalbad Alkohol & Drogen kaum noch ertragen? :-) Welchen intellektuellen Trost gibt es noch? Außer Mathematik & Lyrik? Und welche? Ihre Oase der Desillusion ist wohltuend bei der immanent geistigen Krise der Menschheit, in der naturwissenschaftliche Erkenntnis, ethisch/kognitive Verarbeitung & sinnvolle Konsequenzen im Kollektiv so auseinandergehen, im Coronakapitalismus. Aber was tun Sie & Ihre Freunde/Leser konkret, wenn sie geistige "Erbauung" benötigen? Eine Umfrage auf dieser seriösen Plattform? LG is

Kommentar vom 2020-08-05, 12:41

@Kommentator(in) von 19:14: Dann gucke ich House of Cards, Game of Thrones, Homeland o. ä. und mache mir vor, dass es echt Menschen gibt, die so schlau sind, wie es dort zu sehen ist. J.L.

Kommentar vom 2020-08-06, 01:18

Wohin führt denn die Schlauheit die dort abgebildeten Menschen eigentlich? ;-) Love & Peace? Aber die Verfasser der Serie des Thrones der Dinge müssen wirklich schlau gewesen sein, so schlau, dass diese ihre Kunden nach sechs Staffeln erst völlig desillusionieren. :-) Raskolnikow hingegen begeht seinen Mord verhältnismäßig schnell, der Müde Tod von Fritz Lang ist von Anfang an müde und beim heißgeliebten frühen 1920er Nosferatu gibt es auch keine Hoffnung auf Erlösung, nur einen sehr traurigen Vampir. Hatten Sie dereinst die Petition für ein "wohlgefälligeres Ende" der Thrones-Serie eigentlich unterschrieben? Völlig faszinierend, dieses Phänomen.

Kommentar vom 2020-08-06, 14:42

Ich muss diese Serie auch mal anschauen, wenn Sie und diverse Bekannte derart davon schwärmen. Erstaunlich. Und ein "Matriarchat" soll auch vorkommen. :-o Was mich ziemlich abgetörnt hatte, war, dass die Science-Buster-Belegschaft ein völlig unironische Hommage während eines Auftritts inszeniert hat. Den sowieso recht humorlosen F. Freistetter, den Astroblogger, im Game-of-Thrones-Faschingskostüm zu sehen, war, nun ja, der Tiefpunkt der Science-Busters-Auftritte.

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