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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben.

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Schreiben? Rechnen!

2021-09-09 10:18

In der FAZ moniert man, dass angehende Deutschlehrer*innen ein "Standartdeutsch" schreiben (aktuell paywalled). Allerdings ist "korrekte" Sprache doch vor allem ein Mittel der Ausgrenzung. Was ist stattdessen denn eigentlich mit den Rechen- und Mathematik-Fertigkeiten der angehenden Mathematiklehrer*innen? Wenn man lieber ein Viertel und nicht nur ein Drittel Provision auf das Immobiliengeschäft haben will, geht das zu Lasten des eigenen Ertrags. (Zu Lasten der*des Kund*in wäre ja ok.)

Kommentar vom 2021-09-09, 19:55

"Ey ich schwöre Alter, klär ma Dose". Bedeutet, meistens (wenn möglicherweise auch nicht immer), dass jemand, oftmals junge Damen, eine Dose Jack Daniel's Cola Mixgetränk bekommen möchte xD. Es soll ja niemand ausgegrenzt werden, aber wenn im Alltag der verdutzte Adressat dieser Rede mindestens drei bis sieben Sekunden überlegen muss, was gemeint ist, dann wäre es schon hilfreich, wenigstens auf eine gewisse Form von Standard zurück greifen zu können. Also vielleicht in diesem Sinne, dass man fragt: "Wie kann ich Dir helfen?" und dass dieses dann nicht verstanden wird als "Was stimmt nicht mit Dir?" xD, wobei hierin ja immerhin doch ein guter Standard erkennbar ist.

Kommentar vom 2021-09-09, 21:29

@Kommentator*in von 19:55: Problematisch ist das nur, wenn die besagte Aussage an jemanden gerichtet ist, die*der sie erwartbar ("erwartbar": oh, ein Vorurteil?) nicht dechiffrieren kann. Allerdings kann auch gerade das als (sehr effektiv kommunizierte!) Aussage gemeint sein: "Du gehörst hier nicht hin, Alter!" – Aus einem ähnlichen Grund versuche ich, die wenigen Videos, die ich noch mache, deutlich länger als fünf Minuten werden zu lassen. J. L.

Kommentar vom 2021-09-10, 08:23

"Effektiv" bedeutet dann, dass mehrere Sprechabsichten in einem Satz verfolgt werden (hier Ausgrenzung und Dose)? Wäre da nicht "effizient" angemessener? Aber auch nur dann, wenn die beabsichtigten Effekte eintreten. Wenn der Adressat erwartbar und tatsächlich nur verdutzt blickt, dann wird weder der eine noch der andere Effekt erzielt, also keine der Absichten, weder Ausgrenzung noch Dose, findet statt. Das wäre vergleichbar mit Sprache Deutsch, aber Adressat versteht Deutsch nicht. Das heißt, man muss sich im Unterricht auf eine Verkehrssprache einigen. Das geht einfach nicht anders, weil nicht jeder Lehrer erst zig Sprachen lernen kann. Dieses Vermögen hat niemand. Und natürlich findet hier gewissermaßen eine Ausgrenzung statt an all diejenigen, die keine der im Angebot stehenden Sprachen sprechen. Aber das kann man auch als eine Einladung verstehen, sich die angebotene Sprache und damit ein Stück Kultur zu erschließen, genau wie im Fall Jugendsprache und Jugendkultur.

Kommentar vom 2021-09-10, 08:33

Ich hoffe, ich verallgemeinere nicht tatsachenentfremdend, aber der Versuch, Regeln aufzustellen (hier Standardsprache), um ein Gemeinwesen gelingen zu lassen, kann (und sollte, wie ich finde) man nicht per se als einen Versuch der Ausgrenzung bezeichnen. Wie wäre sonst Ordnungspolitik möglich? Das Gegenteil von diesem Ansatz wäre Chaos? In diesem Fall ein Unterricht dem man wohl als "lost in translation" bezeichnen könnte. Es geht also vornehmlich darum, gezielt Unterrichtsinhalte zu vermitteln, wofür nun einmal eine verbindliche Verkehrssprache vereinbart werden muss! Im Anschluss daran macht aus meiner Sicht eine Standardsprache deshalb Sinn, weil sich dieser jeder Sprachteilnehmer bemächtigen kann, der die Verkehrssprache versteht. Ein Sprachwirrwarr endet im Chaos und führt dazu, dass letztlich keiner mehr etwas versteht.

Kommentar vom 2021-09-10, 09:16

@Kommentator*in von 08:23: Oh, ich meinte wirklich "effektiv", weil unterschwellige Kommunikation (man sagt nicht direkt "Raus!"), wie ich finde, wirksamer ist. J. L.

Kommentar vom 2021-09-10, 09:28

@Kommentator*in von 09:16: Wenn man "Standartsprache" schreibt, ist das ja noch nicht die babylonische Sprachverwirrung. Man vergleiche auch, was non-native-speaker-Wissenschaftler*innen wie ich so auf Broken Englisch sagen und schreiben und trotzdem so eine Art Kommunikation zustande bekommen. (Wobei in der Wissenschaft nur das Senden incentiviert wird, aber das ist ein anderes Thema.) Gefährlicher finde ich, dass dies nötig scheint, wobei man allerdings davon ausgeht, dass die Menschen "ihre" Sprache auch lesen können. J. L.

Kommentar vom 2021-09-10, 10:56

Also unterschwellige Kommunikation finde ich wiederum deshalb problematisch, weil manche wohl den Zaunpfahl vor den Kopf brauchen, um zu verstehen, was gemeint ist - außerdem ist ein "Raus!" ja auch mal erfrischend XD. Und solche Personen sollte man nicht ausgrenzen, schon deshalb nicht, weil beispielsweise sogenannte mentally challenged persons wie Asperger's persons alles klar und explizit benötigen, um überhaupt einer Kommunikation folgen zu können - Subtext offenbar unmöglich. Ein integrativer Ansatz wäre in diesem Fall möglicherweise tatsächlich eine Standardisierung der Sprache, damit alle - also auch Aspis - folgen können und eine gemeinsame Basis haben, von der sie ausgehen können, ähnlich wie die Wahl der von allen zu beherrschenden Verkehrssprache. Das "babylonische Sprachwirrwarr" würde doch eher entstehen, wenn man jeden reden und schreiben ließe, wie er will, also gänzlich ohne Norm und Konvention?

Kommentar vom 2021-09-10, 11:34

@Kommentator*in von 10:56: Subtext scheint in der Tat immer schwieriger zu werden. –Wenn alle reden und schreiben, wie sie wollen, werden sie sich irgendwie schon zusammenraufen müssen, denn verstehen und verstanden zu werden ("Heißt das da auf der Flasche 'Wasser' oder heißt das 'Lösemittel'?") ist ein sehr großes Incentive. Irgendwie hat man sich doch schon vor Duden und sogar vor Schottelius in deutschen Landen verständigt. Allerdings, das gebe ich zu, kann es zu abgeschotteten Blasen kommen. Aber das ist doch eine große Marktchance: Produkt mit Aufschriften in der jeweiligen Sprache – und jeweils noch die Läden dazu. Das erlaubt, die Preise höher zu halten und schafft Arbeitsplätze! J. L.

Kommentar vom 2021-09-10, 16:49

Der Begriff "abgeschottete Blase" gefällt mir in diesem Zusammenhang außerordentlich gut. Individualsoftware könnte dann auch noch individueller werden, so lange man nicht am Ende zu Stuhl Tisch und zu Tisch Schrank oder so ähnlich sagt - die Geschichte dürfte bekannt sein. So gesehen wäre ja der Versuch, zumindest eine "gemeinsame" Bezugsmöglichkeit Standar{d|t}deutsch zu fassen, schon annähernd wirtschaftsschädigend 😂. Wirkte aber jemand wie Luther nicht doch eher gemeinschaftsstiftend als -spaltend? Und könnte jemand wie Luther (oder Genderpäpste, weil standardisierend wirkend) nicht heute auch wieder abgeschottete Blasen konvergieren lassen? 😁

Kommentar vom 2021-09-10, 17:31

@Kommentator*in von 16:49: Luther gemeinschaftsstiftend? Reden wir von diesem Luther oder von diesem oder von diesem? Oder doch eher blasenstiftend? Merke: Die*der Sieger*in schreibt die Geschichte! J. L.

Kommentar vom 2021-09-10, 18:02

An heutigen Wertvorstellungen gemessen gab es zu Luthers Zeiten doch nur Antisemiten, Rassisten, Chauvinisten, Faschisten und überhaupt -isten; das gesamte Gott-Konzept ist faschistoid. Aber immerhin hat Luther durch seine Bibelübersetzungen "den Deutschen" eine gemeinsame Sprache gegeben. Auch Kant, Hume, Locke und historische Personen(x) wobei x von A bis Z waren sicher frauenfeindlich, rassistisch, machiavellistisch usf. ... An diesem Umstand gemessen müsste man wohl auch Freges Beitrag zur Logik zurückweisen, weil sich wahrscheinlich irgendwo Textstellen zum Chauvinismusvorwurf finden ließen. Weltanschauliche Irrungen sollten inhaltlich starken Beiträgen keinen Abbruch tun, sonst müsste man Heidegger komplett aus der Geschichte der Philosophie schwärzen - geht doch nicht oder? Ich würde das weniger dramatisch sehen und höchstens von vorläufigen Siegen sprechen, denn auch Wissen wird nicht ewig in Stein gemeißelt, es sei denn natürlich in Form der zehn Gebote XD.

Kommentar vom 2021-09-15, 15:50

auch für "Gesundheitsminister" relevant - die Bruchrechnung :-)
https://twitter.com/i/status/1387478633669869570

Kommentar vom 2021-09-22, 10:54

Was Mathematik angeht, besteht in einem Ihrer Videos zu Winkelfunktionen die Äußerung, dass sin(x) mit x aus R irgendwie natürlicher sei als sin(x) mit x als Gradzahl. Inwieweit ist mit "natürlich" Natur gemeint? Also die Frage: Sind Zahlen Dinge der Natur oder des Geistes? Im ersten Fall, also einem eher notwendig-kontinuierlich (Ursache -> Wirkung) weil nicht kontingent-modalen (Grund -> Folge) Weltbild zufolge, müsste eine "abgeschottete Blase" der Ausgrenzung dann natürlich sein, wenn man darin eine Ursache und nicht etwa eine Möglichkeit zur Ausgrenzung erkennen _will_.

Kommentar vom 2021-09-22, 10:54

Die Frage wäre, muss eine Standardsprache notwendig zur Ausgrenzung führen oder besteht beispielsweise die Möglichkeit, sich über die Aneignung dieser den Zugang zu einem Weltbereich auf angemessene, weil fruchtbare Weise erschließen zu können? Beispiel Mathematik: Muss die standardisierte Formelsprache der Mathematik jeden potenziellen Teilnehmer abschrecken und ausschließen oder lädt sie eher zur Teilnahme ein und dazu, sich eine "neue mögliche Welt" erschließen zu wollen? - Okay, nicht das beste Beispiel XD. Aber ein effektives Beispiel (?), denn so wird klar, dass Sie nie zur Menge der potenziellen Teilnehmer gehört hätten? Dann existieren Sie also gar nicht in der natürlichen Welt, also der Natur? Wo dann XD?

Kommentar vom 2021-09-22, 12:50

@Kommentator*in von 10:54 (2x): "Natürlichkeit" samt "Eleganz" und "Schönheit" sind ja in der Mathematik und erst recht in der theoretischen Physik neuerdings ein kontrovers diskutiertes Thema. Das Bogenmaß ist aber recht gut begründbar natürlicher (Komparativ!) als das Gradmaß, denn man könnte ja ebenso mit 361 oder 400 Grad für den Vollkreis arbeiten. Das Bogenmaß hat weniger willkürliche Zutaten als das Gradmaß und ist damit im jeweiligen System der Mathematik (also nicht unbedingt in der Natur?!) natürlicher. – In der Tat kann man (wenn man kann: Bourdieu, Need for Cognition usw.) eine Sprache auch als Herausforderung annehmen. Mich hatten in der Tat die Symbole in "Weiße Zwerge, schwarze Löcher" fasziniert. Und natürlich 中文. J. L.

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