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Kriegsanleihen

2025-03-17 20:34

Was für ein hässlicher, historisch belasteter Begriff! ChatGPT schlägt stattdessen Solidaritätszertifikate, Freiheitsvorsorge oder den Lebenswerte-Zukunft-Fonds vor. Klingt gleich charmanter. Oder wie wäre der Begriff Savings and Investments Union für die Mobilmachung, oops, Mobilisierung privaten Kapitals?

Halt, erst mal von vorne: Mir scheint zu oft missverstanden zu werden, dass es einfach um Geldbeträge ginge. Das ist Quatsch. Durch Bewerfen mit 50-Euro-Scheinen kann man keine Aggressor*innen töten. OK, bei zehn Milliarden solcher Scheinchen ergäbe sich dann ein doch eher letales Gewicht von round about 10 Kilotonnen. Aber Spaß beseite.

Es geht nicht wirklich um Geld, sondern es geht wie immer in der Wirtschaft um die Allokation von knappen Ressourcen: Laufen in den VW-Werken SUVs oder aber Panzer vom Band? (Worin besteht da eigentlich der Unterschied? Ach ja: Panzer sind vom Verbrennerverbot ausgenommen.) Was nun wirklich produziert wird, lässt sich durch staatliche Anordnung klären – oder marktwirtschaftlich dadurch, dass das eine mehr Geld bringt als das andere.

Die Wissenschaft der Kriegsfinanzierung kennt drei grundsätzliche Ansätze: Steuern, Staatsschulden (Kredite, Anleihen), Gelddrucken. Es gibt allerdings weitere Spielarten wie das plumpe Plündern oder das feine Einfordern von, äh, Besatzungskosten (hier ein Tuxedo-Winnie-the-Pooh-Meme einfügen). Oder das Einsammeln von Gold. Exklusiv verfügbar für Nationen mit entsprechendem geologischem Glück: die Finanzierung durch den Verkauf von Rohstoffen.

Der Erwerb von Waffen auf Kredit im Ausland – zu bezahlen in Devisen, denn die Waffenhändler*innen sind ja nicht dumm – ist vom inländischen Kredit nicht so verschieden, nur dass der geforderte Zinssatz dann anderen Mechanismen unterliegt: Er könnte die Erwartung von Sieg und Niederlage realistischer wiedergeben als es patriotisch gefärbte oder mit einem politisch festgeschriebenen Zinssatz versehene inländische Kriegsanleihen tun. Er könnte aber auch rein politisch die imperialen Ambitionen der Gläubigernation widerspiegeln.

Klar ist, dass eine Umverteilung der Ressourcen bedeutet, dass manche oder sogar viele bisher befriedigbare Wünsche hinten angestellt werden müssen: Von dem Geld, das der Staat mittels Steuern, Kriegsanleihen, Inflation usw. bekommen oder genommen oder entwertet hat, können die betroffenen Privatpersonen und Unternehmen vorerst nichts mehr kaufen.

Als Regierende*r muss man einrechnen, dass Stress mit der Bevölkerung vorprogrammiert ist, insbesondere bei Steuern, aber auf Dauer natürlich auch durch die Inflation beim Gelddrucken. Eine geräuschärmere Alternative besteht darin, bei künstlich fixierten Preisen die Produktion zu verknappen, so dass die Menschen ihr Geld gar nicht ausgeben können und es auf der Bank lassen, die es dann dem Staat leiht.

Historisch hat sich die Verschleierung von Staatsschulden zu einer Kunstform entwickelt – in Zeiten des Krieges (1, 2), aber auch in Zeiten des Nicht-Kriegs (1, 2, 3).

Übrigens sind Bitcoin & Co. ebenfalls nur Zahlen im Computer, von denen man hofft, dass andere Menschen sie für wertvoll halten. Wenn ein Gut knapp wird, geht auch sein Preis in Satoshis durch die Decke. Und falls eine Regierung das Internet tief filtert oder sogar abstellt, läuft da gar nix mehr. Aber umgekehrt hat die Politik die Kryptowährungen als kreative Einflusssphäre entdeckt. Man darf auf viele disruptive Ideen aus dieser Ecke gespannt sein!

Kommentar vom 2025-03-20, 08:16

Ich fühl mich mittlerweile mehr amerikanisch als deutsch, in Zeiten des Vor-Krieges. Vor 20 Jahren war das nicht so. Aber da waren die bekannten Parteien auch noch auf unserer Seite, vielleicht...

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