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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben. Die Blog-Postings könnten Kraftausdrücke, potenziell verstörende Tatsachenbehauptungen und/oder Darstellungen von Stereotypen enthalten. Die Beiträge der vergangenen Wochen werden als Bestandteil der Internet-Geschichte in ihrer ursprünglichen Form gezeigt. Menschliche Autor*innen können unzutreffende Informationen über Personen, Orte oder Fakten liefern.
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2025-07-08 12:02
Wenn man keine Person mehr findet, die in vernünftiger Frist und zu vernünftigen Kosten das Dach deckt, die Heizung wartet, die PV-Anlage installiert, dann hilft halt nur noch Selbsthilfe. Natürlich ist die verboten, aber Sachzwänge sind Sachzwänge. Über rote Ampeln zu radeln oder auf dem E-Roller zur Grundschule zu fahren, ist ja auch verboten. Aber da beugen wir uns schon lange den Sachzwängen.
Die Augen geöffnet hat mir jüngst der Disclaimer auf S. 151 in c’t 11/25: Dieser Artikel trägt der Erkenntnis Rechnung, dass Bastler diese Vorschrift häufig bewusst missachten, und soll ohne Anspruch auf Vollständigkeit dazu beitragen, dass sie dabei wenigstens entsprechende Standards einhalten.
Seit Jahrzehnten geht der Trend zur zwangsweisen Selbstbedienung: Plattenläden, Reisebüros, Anlageberatung – nur an wenigen Stellen gibt es für Senior*innen ohne Enkel*innen museale Überreste davon. Den Apotheken und den Supermarktkassen ist dasselbe Schicksal klar vorgezeichnet; nur bei den Hochschulen schlägt es bisher noch nicht im großen Stil zu (weil es da gar nicht wirklich ums Lernen geht, aber das ist jetzt ein anderes Thema).
YouTube macht mich zum Notebook-Reparateur und die KI macht mich zum Linux-Troubleshooter. Ich will gar nicht erst anfangen, vom Nutzen eines heimischen Ultraschall-Geräts zu schwärmen. Auch für das Blutbild mit allem Pipapo braucht man keine*n Hausärzt*in mehr und hat freie Termine en masse.
Der eine Teil der Bevölkerung wird am Fachkräftemangel geistig wachsen, wird lernen, selbst zurecht zu kommen und seine Musik, Smartphones, Autos sowie Trecker aus den Klauen der Hersteller*innen zu befreien. Der andere Teil der Bevölkerung wird mit verfaulten Zähnen im Dunkeln und Kalten sitzen – oder auf TikTok gefundene beziehungsweise von der KI servierte Rezepte papageienhaft ausführen.
Das führt auf die Frage, ob wir dumm und unselbstständig sind, weil uns die Professionen bevormunden und entrechten, oder ob die Kausalität genau andersherum ist oder ob sich Unselbstständigkeit und Bevormundung schrittweise gemeinsam entwickelt haben wie Henne und Ei.
Ivan Illich, der olle Anarchist, hat so treffend bemerkt: Neither income, long training, delicate tasks nor social standing is the mark of the professional. Rather, it is his authority to define a person as client, to determine that person’s need and to hand the person a prescription.
(Quelle) Aber, so warnt er abschließend im selben Essay, es kann sogar, was man zunächst ohne Professionen tut, einem abgeguckt und dann als Selbsthilfe
professionalisiert werden.
Ein neueres Phänomen ist ein konsumeristisches und überhaupt nicht anarchisches Placebo-Selbermachen, ob mit weichgespülten Microcontrollern, dem Selbstbau
eines Computers, indem man ICs in eine vorbereitete Schablone steckt, oder dem Selbstbau
eines Synthesizers, indem man ein paar Platinen zusammenschraubt. Mir, der in jungen Jahren seine Nachmittage mit einem Lötkolben vor einem Stapel an zerfledderten und mit Notizen übersäten Büchern verbracht hat, tränen da die Augen.
Und eine ganz aktuelle und brennende Frage ist, ob die kommende Wehrpflicht den Fachkräftemangel drastisch verschärfen wird. Ich sehe da verschiedene Möglichkeiten, zum Beispiel:
Eine wesentliche Frage ist, ob einfach nur gelost wird, wer dienen muss, oder ob es aus Gerechtigkeitsgründen eine soziale Dienstpflicht für alle geben wird. Das ifo hatte ja mal die wirtschaftlichen Auswirkungen einiger Varianten durchgerechnet – leider aber als Milchpersonenrechnung: Bei der Modellierung einer offenen Volkswirtschaft ist Kapital international uneingeschränkt mobil[.]
(S. 36) Tja, man darf dann nicht vergessen, dass das auch für das viel gepriesene Humankapital gilt!
Zu meinen Zeiten lag selbst Westberlin schon in einem anderen Universum. Heute jedoch reisen alle umweltbewegten Jugendlichen mehrmals im Jahr zu anderen Kontinenten. Eltern werden also ihr Kind rechtzeitig vor dessen 18. Geburtstag vom örtlichen Gymnasium abmelden und nach Neuseeland schicken. Die unsichtbare Hand des Markts wird die nötige Infrastruktur schaffen. Und das später dann erwachsene Kind bleibt dort unten, schon allein, weil auf der Südhalbkugel der nukleare Winter nicht so stark sein wird.
Offiziell hofft man ja darauf, die Truppenstärke durch Freiwillige zu erreichen. Dann stellt sich allerdings die Frage, warum sich denn nicht schon längst genügend Personen für den bereits angebotenen freiwilligen Wehrdienst melden. Vielleicht liegt es daran, dass Bundeswehr-Profs rausposaunen, dass ihre Armee nur ein paar Tage lang durchhalten werde. Als Marketingstrategie zur Rekrutierung wirkt dieser Ansatz doch eher kühn.
Dazu Kasernierung in Mehrbettzimmern, 24/7-Präsentismus und vor allem der schamlose Ableismus der Musterung: Relikte aus einem lange vergangenen Jahrtausend. FPV-Drohnen zu fliegen, kann man im eigenen Schlafzimmer lernen. Und das Fliegen übernimmt mehr und mehr die KI; es bleibt aber vorerst die Aufgabe, die Wirkmittelpakete (Euphemismus von ChatGPT 4o) an die Drohnen dranzubasteln. Und muss ich hier erwähnen, dass Panzer und Gewehre nun echt obsolet sind?
Abschließend doch noch mal zurück ins Zivile, zumindest so weit das in Zeiten der Gesamtverteidigung noch geht. Eine Fachkräftelücke scheint beseitigt: die der Photovoltaik-Branche. Ich sehe überall PV-Werbung, bekomme sogar welche persönlich adressiert in meinen Briefkasten. Interessant! Denn seinerzeit, als ich Meyer-Burger-Module mit SMA-Wechselrichter und -Batteriemanagement wollte, habt Ihr mich mit meinen schrulligen Wünschen und meinem popelig kleinen Dach geghostet. Und nun kommt ihr angekrochen! – Pech gehabt, ich warte auf Technik von Temu oder AliExpress, die ich einfach so aufstellen kann. Irgendwer muss da mal was erfinden, quasi ein Balkonkraftwerk, aber eine Nummer größer. Unbedingt mit Natrium-Akkus, nicht mit Euerm Drecks-Lithium.
[Nachtrag: Meanwhile, in China: Second Life: China’s Top Resale App Now Fuels Its Wildest Gig Market]
Kommentar vom 2025-07-08, 13:31
Ich hätte ja behauptet, dass das mit der Do-it-yourself-Bewegung in der früheren DDR schon immer so war. Im "Lied vom Vaterland" (1973) von Reinhold Andert heißt es nicht umsonst: "Das ist das Land, wo die Fabriken uns gehören, wo der Prometheus schon um fünf aufsteht, ..., wo ein Parteitag sich darüber Sorgen macht, wo sich die Leute alles selber reparieren, weil sie das Werkzeug haben, Wissen und die Macht." (M.M.)
Kommentar vom 2025-07-08, 14:17
Danke
Kommentar vom 2025-07-09, 20:35
Gerade heute habe ich dieses Zitat gelesen:
'People had always dreamed of a unified world. We thought it would be a richer one. It wasn't. It meant that the Eskimo got educated and learned cost accountancy, but it didn't mean that the German learned to hunt whales with a spear. It meant everyone learned how to press buttons, and no-one remembered how to dive for pearls.' - Strata von Terry Pratchett
M.K.
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