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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben. Die Blog-Postings könnten Kraftausdrücke, potenziell verstörende Tatsachenbehauptungen und/oder Darstellungen von Stereotypen enthalten. Die Beiträge der vergangenen Wochen werden als Bestandteil der Internet-Geschichte in ihrer ursprünglichen Form gezeigt. Menschliche Autor*innen können unzutreffende Informationen über Personen, Orte oder Fakten liefern.
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2025-09-01 20:41
Anzudrohen, dass, falls sich nicht genügend viele Leute freiwillig melden, die Wehrpflicht aus ihrer Gruft hervorbricht: Aus welchem Marketing-Lehrbuch stammt denn dieser schräge Move? Damit versteht nun auch die*der Letzte, dass der Job ein eher unangenehmer ist. Allerdings muss man einräumen, dass es vorher Versuche mit sich anbiedernden Reality-TV-, DSDS- und Influencer-artigen Formaten auf YouTube und auf TikTok gegeben hat. Deren View-Zahlen lassen mich zwar vor Neid erblassen, aber ein Erfolg solcher Arbeitgeberkommunikation
(O-Ton der Agentur) scheint sich nicht so recht eingestellt zu haben. Wie bei Elvis in der Army: großes Medienecho, aber der angesprochene Teil der Bevölkerung hat sich dann doch nicht freiwillig gemeldet. [Nachtrag aus der ZEIT zu professionellem Rekrutierungs-Marketing: Angefasst, angepinkelt, ausgepeitscht – willkommen bei der Bundeswehr]
Das bringt mich zum nächsten dicken Problem der neuen Wehrpflicht: Wir spüren an allen Ecken und Enden Diskriminierungen auf – und nun gehts zurück ins finstere sexistische (Art. 12a Abs. 1 und 4 GG), ageistische (§ 3 Abs. 3 WPflG), body-shamende (WHtR zur Vergabe der GZr 2) und ableistische (etwa 2.3.6 Augen und 2.3.7 Ohren) Mittelalter. Aber selbst die Ukraine erlaubt jungen, von den Behörden als männlich gelesenen Personen wieder die Ausreise …
Wir wissen spätestens seit Covid, dass sogar Grundschule online funktioniert – warum nicht die Wehrpflicht? Da wirkt eine Kasernierung fern der Heimat in noch nicht vorhandenen und noch nicht bezahlten Kasernen schräg. 18 Jahre lang Elterntaxi – und dann das! Immerhin gibts veganes oder schweinefleischloses Essen.
Schon die Wehrpflicht 1.0 war an der Ungleichbehandlung von Eingezogenen und Nichteingezogenen gestorben. Für mich – als juristischen Laien – sieht der einzige Weg nach einer allgemeinen Dienstpflicht aus, bei der ein kleiner Teil in die wenigen rechtzeitig fertiggestellten Kasernen einrückt und der Großteil in die Pflegeheime und Krankenhäuser. [Nachtrag: Hier am Ende siehts eine Jura-Professorin der Bundeswehr genauso, schlägt interessanterweise aber eine Verfassungsänderung im Bereich von Art. 12 GG
vor, also an leicht anderer Stelle.]
Wahrscheinlich beschäftigen ähnliche Gedankengänge gerade Hunderttausende Eltern und Kinder der Republik. Ob die Server von GOstralia! GOmerica! schon glühen? Neuseeland wäre mein Geheimtipp, wenn man jünger oder reicher ist als ich.
Der Elefant in the Room ist aber dieser: Kommt es zu einem Angriff auf die Nato, könnte bei einem möglichen Krieg an der Ostflanke 5.000 Soldaten pro Tag sterben. Darauf verweist der Präsident des Reservistenverbands, Patrick Sensburg[.]
(Quelle) Das hört sich jetzt für die*den Einzelne*n nicht allzu ersprießlich an.
Falls Neuseeland keine Option darstellt und man auch nicht auf eine UK-Stellung hoffen kann (zum Beispiel als Change Implementation Leader bei Rheinmetall), muss man sich militärisch wertvoll und damit schützenswert machen. Man darf auf keinen Fall ein namenloser Teil einer Truppe
sein. Insbesondere (nachgewiesene!) Fertigkeiten in Drohnenentwicklung und -betrieb könnten da helfen.
Ein prägnantes Beispiel für eine Truppe von Namenlosen liefert die Deutsche Bahn, die Mühe hat, Fernverkehrszüge weniger als sechs Minuten zu spät ankommen zu lassen – falls die überhaupt jemals losfahren –, aber dafür Milliarden im Stuttgarter Boden versenkt. Welche*r High-Potential würde freiwillig bei einem solchen Laden anfangen?
Analog dazu: 75 Mrd. Euro für Auslaufmodell-Panzer versus Sold-Erhöhung auf rund 2200 Euro.
Nein, da muss man ganz anders ran.
Hat sich eigentlich schon Gunter Dueck wegen der Rückkehr zur Theory X echauffiert? Seine High Potentials bei IBM und seine Kinder brauchten keinen Rohrstock, sondern haben über die nötigen foucaultesken Selbsttechnologien verfügt.
Um die Spitzenkräfte als Freiwillige zu gewinnen (und nur als Freiwillige wird man sie gewinnen können, sonst sind sie weg!), muss man Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit bieten, eine Start-up-Kultur. Warum also nicht die Zahl der Kommandoeinheiten radikal eskalieren? Vielleicht in Richtung militärischer Geheimdienst: Ethan Hunt, Evelyn Salt, Sydney Bristow und Angus MacGyver lassen grüßen. [Nachtrag: und die all-female Jegertroppen, nicht fiktiv aus Hollywood, sondern real aus Norwegens Wäldern.] Nicht ein kleines Rädchen im Getriebe sein, sondern im eingeschworenen Mini-Team unbürokratisch, nein, nonkonformistisch Operationen bewältigen! Insbesondere sollte jedes solche Team ein unlimitiertes Budget für Einkäufe bei AliExpress bekommen. Immer noch viel billiger als eine F-35. [Nachtrag: Mir schießt der Begriff 10x Soldier durch den Kopf.] [Noch ein Nachtrag: Ukrainische Kommandos betreiben inzwischen Crowdfunding.]
Nicht alle solchen Teams müssen hinter den feindlichen Linien operieren. Es könnten auch hyperlokale Gruppen mit Ortskenntnis jedes Kanalschachts und jedes Erdlochs sein. Ebenso ist die sitzend vor dem Rechner ausgeübte psychologische Kriegsführung aka PSYOPs vielversprechend. (Die modische Bezeichnung kognitive Kriegsführung
finde ich absurd, weil es gerade um die nichtkognitiven Aspekte geht: Emotionen und Einstellungen.) Überhaupt sind alle Arten asymmetrischer Kriegsführung und die Gegenmaßnahmen wie Anti-Sabotage ins Auge zu fassen. (Muss gerade an Anti-Terror-Anschläge denken.)
In der Breite, jenseits solcher Kommandos von Spitzenkräften, sind ebenfalls zeitgemäßere Wege denkbar als eine Wehrpflicht. Zum Beispiel enthalten ja schon alle Studiengänge verpflichtend Gender-, Nachhaltigkeits- und IT-Kompetenzen. Warum nicht einfach festlegen, dass in jedem Studium 60 Credits Resilienz-Kompetenzen nachzuweisen sind? Teile davon könnten etwa mein Modul Cyberphysische Systeme sein, ein Russisch-Sprachkurs oder ein Medaillenplatz im hochschulweit ausgetragenen E-Sports-Wettbewerb zu Counter-Strike.
Grandios unklar ist mir das Thema der Sicherheitsüberprüfung. Zwar wird man beim Bund
nichts lernen, das man nicht schon seit dem siebten Lebensjahr aus dem Internet oder aus der KI weiß. Aber beim Bund hat man physischen Zugang zu gefährlichen Sachen! Genügt da ein gründlicher Blick in öffentliche Quellen – insbesondere Social Media
(Quelle: BMVg)? Wer noch in die USA einreisen will, hat sowieso schon x weitere X-Accounts. Oder umgekehrt: Was muss man unterhalb der Strafbarkeitsgrenze posten, um nicht eingezogen zu werden?
Abschließend: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Die Menschen nehmen durchaus zur Kenntnis, welche Wertschätzung der Staat seinen Veteran*innen angedeihen lässt. Mehr erwartet man dann auch in Zukunft nicht.
Noch dies meta zum Aufmacherbild: Die große Herausforderung ist nun nicht mehr, dass die KI solche Bilder nicht machen könnte, nein, die große Herausforderung ist jetzt, dass die KI (namentlich Nano Banana) erkennt, wenn man, äh, Interessen außerhalb des Konsenses verfolgt, selbst wenn man versucht, das mit anderen Bezeichnungen oder Farben zu verheimlichen.
Kommentar vom 2025-09-01, 21:34
Sollte es in der Überschrift nicht „nec parcit inbellis iuventae“ (Horaz, Oden III 2) heißen?
Kommentar vom 2025-09-01, 22:04
@Kommentator*in von 21:34: Nein. Parcere verlangt den Dativ. Geht halt nicht wie bei Horaz weiter. J. L.
Kommentar vom 2025-09-01, 22:16
Was für eine Form soll denn „imbelli“ sein?
Kommentar vom 2025-09-01, 22:22
ageistisch: Ja, Altersdiskriminierung ist in Deutschland legal. Einfach mal mit 30 Bundespräsidentin oder mit 60 Beamter werden wollen.
Onlinewehrpflicht: Von 9-17 Uhr im Homeoffice remote den Gegner auslöschen (töten Wehrpflichtige eigentlich auch oder ist das den Berufssoldaten vorbehalten?) und dann den Kleinen aus dem Kindergarten abholen und ihm zuhause eine heile Welt bieten. Work-Life-Balance und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Perfekt.
M.K.
Kommentar vom 2025-09-01, 22:28
@Kommentator*in von 22:16: Let me google that for you: hier. J. L.
Kommentar vom 2025-09-01, 22:30
@Kommentator*in von 22:22: Halt mal wieder so ein 08/15-Arbeitstag in Ramstein! J. L.
Kommentar vom 2025-09-03, 09:12
Wo bleibt eigentlich das Anprangern von Ungleichheit durch die Feministinnen?
Kommentar vom 2025-09-03, 11:19
@Kommentator*in von 09:12: Identitätspolitik ist selbst in akademischen BW-Kreisen angesagt. Hat eine gewisse historische Kontinuität. J. L.
Kommentar vom 2025-09-07, 19:59
@Kommentator*in von 09:12: Aber, falls Alice Schwarzer für einige der hier Mitlesenden noch als Feministin gelten sollte: Im Namen der Gleichberechtigung. J. L.
Kommentar vom 2025-09-08, 10:56
Danke für den Hinweis auf Alice :) - Sie ist taktisch klug und lässt sich nicht zu einer impliziten Pro-Wehrpflicht-Aussage verleiten. Bleibt die Frage, ob deren Einführung vermeidbar ist oder die Unausweichlichkeit einer 'Naturgewalt' besitzt, denn ... prinzipiell bin ich ja auch gegen das Sinken von Schiffen, aber wie halte ich es dann mit "Frauen und Kinder zuerst!", wenn es soweit ist?
So fundamental dieser Diskurs ist - kollateral vernebelt er anderes gesellschaftliches Auseinanderbrechen: Wenn bspw. teure SUVs mit 'UA'-Kennzeichen neben mir stehen und ich mich frage, was würde ich da eigentlich genau verteidigen ... den Reichtum anderer?! ... Die Strukturen der Ausbeutung jener Reichen, welche bei Steuergefahr unpatriotisch dem 'Vater'-Land entflüchten würden ...
Genau diesen Selben dient auch das treiberische Herbeireden: "Und es ist keineswegs mehr ausgeschlossen ... Russland ..." (siehe Alices Artikel)
Und was wären die Maßnahmen, wenn zu viele Pflichtige verweigern?!
Kommentar vom 2025-09-08, 16:43
@Kommentator*in von 10:56: Muss an dies denken: Gender, social norms, and survival in maritime disasters. Every man for himself.
J. L.
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