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Reichenbach: Die Pädagogik der Privilegierten

2025-09-20 22:16

Da hatte ich doch jüngst heterodoxe Bildungswissenschaften gefordert – und finde nun mit diesem Essay in Buchform einen Vertreter derselbigen. Inhaltlich rankt es sich wie zu erwarten – und wie nötig – um Themen wie Kompetenzorientierung, Eigenerfahrung, vom Lehren zum Lernen, kurz: um sakralisierte Vokabeln (S. 42).

Es geht im Kern um den auch von mir immer wieder angeführten Matthäus-Effekt, selbst wenn dieser Begriff nur indirekt vorkommt, indem das Motto des abschließenden Kapitels die entsprechende Stelle aus dem Matthäus-Evangelium zitiert. Dabei ist dem Autor klar, dass der Begriff Privilegierte krumm ist: Vielmehr ist es die vergleichsweise »neue« Bildungsklasse […], deren Mitglieder mitunter sogar selbst unter relativ prekären Bedingungen leben müssen, welche heute den größten Einfluss auf die Definition der »guten« Pädagogik auszuüben scheinen. (S. 190)

Der Autor meint, Schule wie sie ist, ist genau die richtige für die Kinder dieser Eltern, denn es würde zum Anstoß und Politikum, wenn die Bildungsklasse […] den Schulerfolg ihrer insgesamt privilegierten Kinder (nicht mit Lernerfolg zu verwechseln) durch die »neuen« Pädagogiken nicht sichern könnte. (S. 90 f.) Mir gefällt hier die feinsinnige Unterscheidung zwischen Schulerfolg und Lernerfolg.

Aber dennoch gibt es die Ausweichbewegung der Menschen der Bildungsklasse zu den nicht-staatlichen Schulen, weil sie sich um das Lernen ihrer Kinder Sorge machen und der »Pädagogik« misstrauen, die sie in der Staatsschule erleben bzw. beurteilen zu können meinen. (S. 90 f.) Nun ja, ich wüsste da einen ganz anderen, viel plausibleren Grund, die Kinder auf eine Privatschule zu schicken: Die liegt nämlich viel näher! Weitere Gründe fallen allerdings auch mir beim besten Willen nicht ein.

Wenn die Eltern zu viel Hüther und Precht inhaliert haben (meine Vermutung): [E]s ist ein sehr spezielles Kind, sehr begabt und eigentlich motiviert, nur eben in nicht in der Schulklasse, in der es gerade steckt. (S. 120)

Das hier kennen wir von den Hochschulen als Modularisierung: Die damit verbundene Absurdität – jetzt noch ein wenig Osmose, dann aber Funktionsgleichungen, gleich drauf ab in den Sportunterricht, zum Schluss noch Kunst – der institutionellen Wissensvermittlung, d. h. Wissenspartikelvermittlung, hat sich so stark normalisiert, dass heute eher ihr Fehlen zu Irritationen und möglicherweise Protesten führen könnte. (S. 133) Interleaving hilft zwar beim Lernen – aber nur, wenn die Verschiedenartigkeit nicht zu wild wird; Interleaving setzt allerdings Frustrationstoleranz voraus.

Eine berechtigte Frage: Muss man denn medienkompetent sein, um keine erniedrigenden Darstellungen zu konsumieren und andere Mitschülerinnen und Mitschüler nicht per WhatsApp zu mobben? (S. 105, Hervorhebung im Original) Analog dazu hatte ich schon mal die (rhetorische, falls das zu erklären nötig ist) Frage gestellt, ob ein Pflichtmodul Ethik im Studium das Dieselgate verhindert hätte.

Die Polemik des Autors gerät oft köstlich. Output-Orientierung als anale Fixierung (S. 25). Oder warum Montessori-Einrichtungen so angesehen sind: Wer Montessori liest (das muss man ja ganz offensichtlich nicht, um sie gut zu finden), fragt sich früher oder später, wie dieser gute Ruf zustande kommen konnte. (S. 29) Die Sportifikation des Turnens (S. 97) lässt mich über eine Mathematifizierung des Rechnens und eine Informatifizierung des Codens grübeln.

An einigen Stellen schießt die Polemik aber zu weit über das Ziel hinaus. So scheint der Autor selbstorganisiertes Lernen als selbstorganisierendes Lernen missverstehen zu wollen (S. 82). Und am Digitalisieren sollte man nicht den Begriff in seiner historischen Verhaftung kritisieren (S. 95) – auch wenn ich Informatisieren besser fände –, sondern sich auf dessen Alles-und-Nichts-Bedeutungslosigkeit fokussieren: Sind nicht auch Fax und Taschenrechner digital?

Was mir fehlt, ist die Frage, ob denn der Unterricht in den Schulen außerhalb von Lehrproben überhaupt orthodox abläuft. Greift man als Lehrer*in, sobald man unbeobachtet ist, nicht zwangsläufig wieder zu Methoden, von denen man zumindest einen Funken Hoffnung hat, dass sie etwas bringen? Ein anekdotisches Indiz scheint mir hier die Diskrepanz zwischen Kompetenzlyrik und Hörsaalrealität an den Hochschulen.

Wir können sozusagen alle und wir sind alle gleich bzw. wir könnten alle und wären alle gleich (wenn nur alles besser wäre, als es ist). (S. 177) Diesen Gedanken hätte man noch anders weiterspinnen können, als der Autor es tut. Mir ist erst jüngst klar geworden, dass das fundamentalste und (deshalb?) unausgesprochene Dogma der orthodoxen Didaktik ist, dass jede*r alles lernen könne. Das sorgt auf Seiten der Lernenden wie der Lehrenden für Zeitvergeudung und für Frust. Vielleicht kann wirklich jede*r alles lernen – aber der Aufwand wird im Zweifelsfall astronomisch. So sehe ich selbst als studierter Physiker keine Chance, jemals den aktuellen Stand der String-Theorie(n) zu verstehen. Und ich stehe wie der Ochs vor der Eiger-Nordwand, was das Hörverständnis von realem Mandarin anbelangt. [Nachtrag: Handschrift kann noch herausfordernder sein.]

Der Autor hält die Frage Was hältst Du vom Satz von Pythagoras? nicht für dem Gegenstand angemessen (S. 137). Aber, nun ja, man könnte hier wunderbar die Gewaltförmigkeit der Wissensproduktion diskutieren. Wer ausgeplaudert hat, dass es irrationale Zahlen gebe, wurde seinerzeit gecancelt, je nach Quelle sogar ertränkt.

Ich lese zwischen den Zeilen als Grundannahme, dass die konventionelle Art von Bildung uneingeschränkt positiv ist. Das zu meinen, würde aber bedeuten, die ways of knowing der vermeintlich Ungebildeten zu diskriminieren. Aber was, wenn es hart auf hart kommt, wenn die erste der vielen Mega-Katastrophen eintritt, die uns derzeit drohen, und wir Gebildeten nur 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen. Wer hat dann die höheren Überlebenschancen?

Das Buch enthält erfreulich viele Tippfehler, was für Handarbeit von Autor und Lektorat spricht. Ich freue mich über viele Denkanregungen und böse Bezeichnungen zum Weiterverwenden. Inhaltlich bin ich nicht mit allem einverstanden, aber das ist ja gerade die Crux an der Heterodoxität.

Kommentar vom 2025-09-29, 10:21

In einer erlebten Welt, die, aus individuell menschlicher Perspektive betrachtet, immer schneller komplexer wird, frage ich mich bereits lange, inwiefern unser Bildungssystem überhaupt in der Lage sein kann, grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln. Mal abgesehen von ubiquitären Ablenkungsmöglichkeiten für Schüler*Innen, wäre es vermutlich selbst bei optimalen Voraussetzungen schwierig, Bildung in der erforderlichen Breite und Tiefe zu ermöglichen. Ich votiere bereits seit einem Jahrzehnt für die wesentliche Verlängerung der initialen Lernphase, aber umgesetzt mit anderen und vor allem mehr Geld-/Arbeitsmitteln. Das ginge natürlich direkt zu Lasten des Konsums, mithin ein no-no. Insbesondere, wenn wir so etwas Ähnliches wie Demokratie weiterführen wollen, wird es essentiell sein, Bildung zu vermitteln und imho Kooperation vor (aber nicht: anstelle von!) Konkurrenz zu betonen. Anders ausgedrückt, wird Motivation zum Lernen zu wecken stark unterbewertet und vernachlässigt.

Kommentar vom 2025-09-30, 20:27

Fange eben mit dem Buch an, bin gespannt.
FMK

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