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Scuola di AItene

2025-09-27 22:32

OK, seinerzeit bei den MOOCs hatte auch ich den auf die höheren Bildungsinstitutionen zurollenden Tsunami zu früh beschworen. Mir war schlichtweg die Rolle von Gewissenhaftigkeit, Frustrationstoleranz, Need for Cognition und – selbst im akademischen Rahmen! – Intelligenz nicht klar. Da habe ich zwischenzeitlich nolens volens einige Lektionen nachgelernt.

Genau diesen Persönlichkeitsfaktoren, welche die angekündigte MOOC-Revolution haben scheitern lassen, spielt die KI nun perfekt in die Hände. Eines der vielen Indizien, dass hier massiv etwas ins Rollen (oder Abgleiten?) kommt: Man macht sogar Witze drüber, die offensichtlich von einem größeren Publikum verstanden werden.

Hier nochmal zum Mitschreiben die Lage – für alle, die die letzten zwei Jahre unter einem Stein gelebt haben:

Es ist absehbar, dass KI übliche MINT-Software (Excel, Matlab, Physik-Simulatoren, PV*SOL, windPRO usw.) per MCP bedient oder mittels Python-Bibliotheken ersetzt. Die Kompetenzen der Modelle reichen schon jetzt teilweise in Master-Studiengänge hinein – und darüber hinaus. Beim Lesen und Erzeugen von Diagrammen sehe ich Fortschritte. Die derzeit beliebten lustig falsch generierten Landkarten könnten schlichtweg daher stammen, dass man verpennt hat, OpenStreetMap in den Trainingsdatensatz zu nehmen. Mit elektrotechnischen Schaltplänen muss wohl ebenfalls noch trainiert werden.

Die Audioverbindung zum Chatbot verschwindet unsichtbar im Gehörgang. Und die wahrscheinlich weniger klobig-auffälligen Nachfolgerinnen von Metas Ray-Ban Display sorgen dafür, dass die Lösungen über dem Aufgabenblatt schweben.

Nicht mehr nur bei Uber, sondern auch in bisher als höherwertig angesehenen Jobs wird KI die Menschen kommandieren – bis die sich schnell entwickelnde Robotik menschliche Handlanger*innen überflüssig macht.

Es zeichnet sich ab, dass der Hochschulsektor auf diese Lage und diese Trends kurzsichtig und nicht nachhaltig reagiert.

Vielleicht schafft es die eine oder andere Hochschule, zum Beispiel jede Abschlussarbeit mit mehreren Zwischenkolloquien zu versehen, bei denen man rechtssicher durchfallen kann. (Eine Besprechung zu zweit in der Sprechstunde genügt dafür rechtlich nicht.) Aber das ist in Massenstudiengängen natürlich wegen des Aufwands undenkbar – und kollidiert überall sonst mit der Vorgabe ein Modul, eine Prüfung. Solche Kolloquien bringen aber sowieso nichts, wenn sie nicht strikt sind und zum Nichtbestehen führen. Durch Chatbots und KI-Brillen werden diese Prüfungen sowieso absurd: Vor der Prüfung Gehörgänge und Brillen inspizieren? Ich nicht!

Man kann auch an die Ehrlichkeit der Student*innen appellieren. Aber warum zu Fuß gehen, wenn man die Brötchen mit dem Ferrari holen kann? Die*der Ehrliche wird alsbald merken, dass sie*er die*der Dumme ist.

Es gäbe auch noch die Möglichkeit, Prüfungen mit handwerklichen Anteilen zu versehen: Maschinen oder elektronische Schaltungen aufbauen, chemische Analysen kochen, Frösche sezieren und präparieren. Aber ist das ein höheres akademisches Niveau?

Das eigentliche Problem ist jedoch ein ganz anderes: Wie befähigt einen ein Hochschulabschluss demnächst noch, Geld zu verdienen? Wie müssen sich also die Hochschulen anpassen? Finden sie überhaupt eine Nische?

In Zeiten zunehmender wirtschaftlicher Anspannung werden sich die Absolvent*innen nicht mehr in Bullshitjobs der Industrie oder in staatliche Jobs retten können. (Lehrer*in, im Prinzip ja, aber das ist out.) Und chinesische Fabriken werden nicht auf ein hiesiges BGE einzahlen; wir wissen ja nun, zu wessen Lasten Importzölle gehen.

Immerhin ein längerfristig lohnendes Arbeitsfeld sehe ich: technisch-juristisch-politische Transformations-Agent*innen, die sich darum kümmern, wie man KI und Robotik an den gewucherten bisherigen Bestimmungen und festgefahrenen Arbeitsprozessen vorbei in die Fabriken, Büros, Fahrzeuge, Schulen, Krankenhäuser bringt. Ich muss an Abwicklung und Treuhandanstalt denken.

Kommentar vom 2025-09-28, 06:52

Um, ein schwermütig-pessimistischer Blick in die nahe (?) Zukunft von Ihnen? Sonst hatten Sie das Kritische immer mit etwas Positivem verbunden. So hab ich Sie in all den Jahren, in denen ich Ihre Artikel gelesen, Ihre Vorträge gehört habe, nie erlebt. Was hat das ausgelöst? Was ist jetzt anders? Was hat Ihnen die Zuversicht geraubt?

Kommentar vom 2025-09-28, 10:20

@Kommentator*in von 06:52: Huch, ich habe früher optimistischer geklungen? Was mir die Zuversicht raubt: Schon jede Einzelzutat der Polykrise (im Posting aufgelistet) hat eine nennenswerte Chance zur Katastrophe. Aber ich sehe keine ernsthafte Umsteuerung in Politik und Gesellschaft. J. L.

Kommentar vom 2025-09-28, 16:22

Dann hier mal ein paar positive Dinge:
95% der KI-Projekte bringen nichts:
https://mlq.ai/media/quarterly_decks/v0.1_State_of_AI_in_Business_2025_Report.pdf

Gegen unsichtbare Bluetooth-Headsets kann man natürlich technisch vorgehen:
- Den Prüfungsraum abschirmen.
- Funksignale messen

M.K.

Kommentar vom 2025-09-28, 18:41

@M.K.: Wenn von Hunderttausenden Projekten 5 % was bringen, dann reicht das schon. Außerdem ist die Messung nach "Zahl der Projekte" irreführend. Ist ChatGPT 5 ein Projekt gewesen? Dann reicht vielleicht auch eine Handvoll erfolgreicher Projekte.

Abschirmen: Hilft nicht, weil die KI inzwischen auf dem Smartphone im Beutel unter dem dicken Pulli laufen kann. Funksignale messen: Das ginge, wirkt dann aber wirklich wie Hochsicherheitsknast. J. L. [Nachtrag: Wenn irgendein Unternehmen doch wieder Smartphones mit Headset-Buchse statt nur Bluetooth auf den Markt bringt, muss nicht mehr gefunkt werden und es reichen lange Haare, um das dünne hautfarbene Kabel zu verbergen, das in den Gehörgang geht.]

Kommentar vom 2025-09-30, 09:48

@M.K.: Ich zitiere die Zahl auch gerne. Zentrale Probleme bei der Implementierung von KI-Projekten in Unternehmen sind unzureichende Daten, Zuverlässigkeitsprobleme und AI-Slop. Aggregiert kann es echt noch dauern, bis diese Projekte in der Breite Produktivitätszuwächse zeitigen.

ABER: Auf individueller Ebene und besonders für Prüfungen performt KI inzwischen exzellent. Entsprechend die im Artikel skizzierte Krise der Hochschulen.

Beste Grüße!

Sebastian Horndasch

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