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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben. Die Blog-Postings könnten Kraftausdrücke, potenziell verstörende Tatsachenbehauptungen und/oder Darstellungen von Stereotypen enthalten. Die Beiträge der vergangenen Wochen werden als Bestandteil der Internet-Geschichte in ihrer ursprünglichen Form gezeigt. Menschliche Autor*innen können unzutreffende Informationen über Personen, Orte oder Fakten liefern.
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2026-07-11 21:36
Vergesst Escape Rooms, Tutorbots, Future Skills, denn ich habe die wirklich ultimative Idee zur Rettung der höheren Bildung: die Ganztagshochschule! Chatti schlägt als Übersetzung in Managementsprech vor: Structured Academic Engagement
, Whole-Day Learning Experience
, The Enhanced-Day Student Success Campus
.
Wie so viele gute Ideen ist auch diese keine wirklich neue. Schon Rolf Schulmeister (schwer vermisst) hatte immer wieder belegt (Link mit HTTP; Browser meckert hier grundlos), dass Studieren in der Breite ein Halbtagsjob ist, und dass sich das kaum mit paralleler Berufstätigkeit begründen lässt.
Dieser Tage habe ich mir den aktuellen Nationalen Bildungsbericht angetan. Ich will hier nicht anfangen, über tendenziöse Darstellungen oder den frommen Glauben an Selbsteinschätzungen zu lamentieren. Stattdessen konzentriere ich mich auf Abb. B4-4 und den dazugehörigen Text auf S. 83ff.
Von Montag bis Freitag umfassen demnach die (so der verwendete Begriff) Lern- und Bildungsaktivitäten wie die Teilnahme an Unterricht und Vorlesungen, deren Vor- und Nachbereitung, non-formale Weiterbildung, aber auch die Teilnahme am Ganztag in Schulen sowie bildungsbezogene Wegezeiten
der Hochschul-Student*innen im Mittel dreieinhalb Stunden pro Tag, hinzu kommen im Mittel eine Stunde und zwanzig Minuten Erwerbstätigkeit pro Tag. Am Wochenende sinds anderthalb Stunden bzw. zwanzig Minuten pro Tag. Covid sei nicht schuld, erklärt Fußnote 13 auf S. 85.
So ganz finde ich diese Zahlen leider nicht auf dem Datenfriedhof der als Quelle angegebenen Zeitverwendungserhebung 2022 wieder. Dort bezieht man sich nämlich auf diejenigen Tage, an denen diese Tätigkeit ausgeübt wurde
.
Methodisch wirkt die Zeitverwendungserhebung mit Tagebüchern ungewöhnlich sauber. Allerdings ist knapp ein Drittel der ausgelosten Haushalte ausgefallen (S. 12). Wie viel die Tagebücher mit der Realität zu tun haben, scheint mir unquantifiziert; ich finde nur das Stichwort Plausibilitätsprüfungen
(S. 6).
Ärgerlich ist mal wieder, dass wir nur Mittelwerte erfahren, keine Varianzen oder gar Verteilungen. Wie wärs mit einem Scatterplot von Zeit fürs Studium vs. Zeit für Erwerbstätigkeit? (Und bei Erwerbstätigkeit unterschieden zwischen Arbeit für die*den Vermieter*in und Arbeit fürs neue iPhone sowie den Urlaub in Übersee.)
Herzerfrischend lustig ist dieses Statement auf S. 210 im Bildungsbericht: Die Gründe hinter dem kontinuierlichen Anstieg der Studiendauern sind weitgehend ungeklärt.
Damit steht die Diagnose: Solange an den Hochschulen noch irgendetwas an Prüfungen verlangt wird, genügt es nicht, sich Chatti und Claudi unter das Kopfkissen zu legen.
Was brauchen wir also? Richtig: die Ganztagshochschule!
Angesichts der immer kleiner werdenden Zahlen realer Student*innen könnte man einfach Veranstaltungen der viel zu vielen Studiengänge zusammenlegen (teilweise passiert das schon) und hätte dann eigentlich Lehrkapazität für weitere Veranstaltungen generiert.
Aber das hilft alles nicht, wenn auch diese zusätzlichen Angebote nur von einem Bruchteil der Student*innen wahrgenommen werden. Vielleicht klappt das mit attraktiven Angeboten? Aber wie? Können wir ernsthaft besser sein als Steven Pinker? A few weeks into every semester, I face a lecture hall that is half-empty, despite the fact that I am repeatedly voted a Harvard Yearbook Favorite Professor, that the lectures are not video-recorded, and that they are the only source of certain material that will be on the exam.
(Quelle)
Ja, werdet Ihr sagen, aber Flipping aka Inverted Classroom! The guide by the side! – Vor 15 Jahren, als ich damit angefangen hatte, ging das in der Tat. Aber entweder haben sich Arbeitsverhalten und Durchhaltevermögen verändert – oder meine Stichprobe. Wahrscheinlich beides. Und der Prof auf YouTube ist längst nicht mehr hip, sondern cringe-oldschool und anbiedernd. Vielleicht könnte es noch mit 30-Sekunden-Videos im Hochformat klappen. Aber das erscheint selbst mir zu unwürdig.
Ich schaffe es vielmehr, mit Flipping auch noch die letzten Leute aus der Präsenzveranstaltung zu vertreiben. Mir scheint das vor allem an zwei Sachen zu liegen: Erstens erwartet man, belehrt zu werden; zweitens zieht es einen runter, wenn der vorbeikommende Prof (und man selbst!) sieht, dass man immer noch nicht die Grundlagen beherrscht.
Also Pflichtveranstaltungen? Ich erinnere mich mit Schrecken an vier endlose Semester Experimentalpraktikum in meinem eigenen (Physik-)Studium. Pure Beschäftigungstherapie. Immerhin ist es dort manchen Leuten gelungen, mit nachweislich kaputten Versuchsaufbauten die Messwerte der Student*innen des Vorjahrs zu reproduzieren. Das sind die wahren berufspraktischen Kompetenzen!
Aber Pflichtveranstaltungen kann man sich sowieso aus Wettbewerbsgründen abschminken: Ich denke, die Student*innen sind klug genug, zur Nachbarhochschule zu gehen, die weniger Pflichtveranstaltungen verlangt, damit die Studierendenzahlen nicht ganz so doll einbrechen. Und sonst gibt es ja immer noch die privaten Hochschulen, die ganz viel Flexibilität verkaufen.
Dabei läuft die Lösung längst im Regelbetrieb: Die Ganztagshochschule existiert schon, sie läuft sogar rund um die Uhr – nur eben ohne Student*innen. Chatti schreibt die Vorlesungsfolien, Claudi löst die Übungsblätter, Grokki füllt die Evaluation aus (sehr strukturiert, gerne wieder, fünf Sterne
). Anwesenheitsquote: 100 Prozent, auch nachts, auch am Wochenende, bildungsbezogene Wegezeiten: null. Wir müssen bloß aufhören, die Beteiligten nach ihrer Daseinsform zu diskriminieren, dann stimmen auch die Zahlen im nächsten Bildungsbericht. [Dieser Absatz stammt weitgehend von Claude Fable 5.]
Und falls das jemanden beunruhigt: Dass Menschen nicht allzu viel Zeit persönlich mit dem Studieren verbringen, könnte je nach Studiengang sogar helfen, einige Nebenwirkungen von Hochschulbildung zu begrenzen.
Und die Ergebnisse in Chattis Einmaleins sind nicht falsch, sondern originell.
Kommentar vom 2026-07-14, 16:34
Vielleicht ganz passend dazu dieses im April erschienene Buch "Lehrwende - Hochschulbildung im Zeitalter generativer KI" von Roland Böttcher: https://lehrwende.de/ (M.M.)
Kommentar vom 2026-07-15, 18:57
@M.M.: Als erschreckende beispielhafte Sammlung der üblichen Denkfehler? Zuallererst: KI hängt inzwischen fast alle meiner Student*innen und an sehr vielen Stellen auch mich selbst intellektuell ab. Game over, nix zu retten mit KI-Kompetenzen
. J. L.
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