Home | Lehre | Videos | Texte | Vorträge | Software | Person | Impressum, Datenschutzerklärung | Blog RSS

Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben. Die Blog-Postings könnten Kraftausdrücke, potenziell verstörende Tatsachenbehauptungen und/oder Darstellungen von Stereotypen enthalten. Die Beiträge der vergangenen Wochen werden als Bestandteil der Internet-Geschichte in ihrer ursprünglichen Form gezeigt. Menschliche Autor*innen können unzutreffende Informationen über Personen, Orte oder Fakten liefern.

vorheriger | Gesamtliste | jüngste | nächster

Warum ich gegen Atomstrom bin

2026-07-26 21:04

Nicht wegen der Technik. Die ist super! Sondern wegen der Menschen.

Wenn wir Boomer*innen uns irgendwann verabschiedet haben werden, wer soll dann dafür sorgen, dass in den Reaktoren und in den Brennstoff verarbeitenden Betrieben kein Unsinn passiert? – Die Erwachsenen, die ihre Matratzen neben die Altglascontainer werfen? Die Kinder, die zu zweit auf dem E-Roller über den Gehweg rasen? Wir haben früher wenigstens noch geklingelt! OK, wir hatten mangels Handy auch beide Hände frei. [Nachtrag: Le Monde meldet unter Berufung auf die Regierung, dass seit dem 28. Juni 263 Personen, darunter 92 Minderjährige, im Zusammenhang mit Brandermittlungen festgenommen wurden.]

Sogar frühere Generationen haben sich hier nicht mit Ruhm bekleckert: Atommüllfässer einfach mal irgendwie und schlecht dokumentiert in die Asse kippen, den (nicht erfolgreichen) Notabschaltungstest in Tschernobyl gnadenlos durchziehen. Cowboy-mäßig war auch, Reaktoren von U-Booten mit Natrium zu kühlen (Natrium im Wasser unter feindlichem Beschuss?). Dann doch lieber flüssiges Blei-Wismut für ein Kühlsystem, das Lecks selbst versiegelt; allerdings darf man dann den Reaktor nie kühl werden lassen, sonst ist er (Atom-)Schrott.

Atomreaktoren und ihre Lieferkette sind aber nicht nur durch potenzielle Auswirkungen von Unfähigkeit und Leichtsinn bedrohlich. Vielmehr können sie auch absichtlich sabotiert werden. Kritische Infrastruktur ist bereits Freiwild. Man würde sehr viel Sicherheitspersonal benötigen – ein Umstand, der weitere Sicherheitslücken aufreißt.

Staatliche oder andere organisierte Akteur*innen (siehe etwa Nord Stream) könnten bunkerbrechende Wirkmittel zum Einsatz bringen. Es genügt vielleicht aber auch schon, das Personal mittels Drohnen davon abzuhalten, sich zum bzw. auf dem Gelände zu bewegen.

Mit SMRs nahe oder sogar in Städten (Fernwärme!) dürfte das Problem zum Flöhehüten werden: Ein Vielfaches an Objekten ist zu schützen; das Umfeld bietet mehr Rückzugsraum und die Vorwarnzeit für die Bevölkerung schrumpft auf null, weil die Wolke nicht erst viele Kilometer weit übers Land ziehen muss.

Theoretisch könnte man unterkritische Reaktoren bauen oder Reaktoren gleich auf Ewigkeit (?) vergraben. Aber wollen wir überhaupt etwas anderes als Thorium-Brutreaktoren, um nicht technologisch und wirtschaftlich abgehängt zu werden? China und Indien sind wieder auf dem Weg, den Deutschland vor Jahrzehnten verlassen hat.

Man könnte hier auch über Proliferation sprechen. Aber das ist ein Thema, das weniger die üblichen Reaktoren als die Lieferkette davor und danach betrifft. Ich mache mir eher Gedanken darüber, welche Kräfte die Atomwaffenarsenale erben werden.

Zuallererst stellt sich aber sowieso die Frage nach dem Bau. Eine Nation, die seit 16 Jahren an einem Bahnhof bastelt, die Eisenbahnanbindung eines seit 10 Jahren gebauten internationalen Tunnels verschlampt oder für die S-Bahn eine Brücke vergisst, könnte dazu vielleicht nicht prädestiniert scheinen.

Ein alternativer Ansatz wäre, für die Reaktoren nicht nur das Kapital aus China zu nehmen, sondern auch Entwicklung, Bau und Bedienpersonen von dort einzukaufen. Allerdings hört man immer wieder das Wort Souveränität und das UK bugsiert 中广核 aus Projekten raus. In der Kooperation zwischen Russland und Ungarn knirscht es ebenfalls.

Zu meinen Problemen mit den Menschen statt mit der Technik gehört auch das Diskussionsverhalten. Sehr ärgerlich machen mich die pseudo-quantitativen Argumente beider Seiten. Zahlen können in der Tat lügen! Immer noch werden GW installierter Leistung verglichen – oder kWh und €/kWh ohne Berücksichtigung, ob das volatile oder steuerbare Leistung ist und was die Systemkosten sind. Wer auch nachts bei Windstille Bestellungen in seinem E-Shop entgegennehmen will, zahlt für den Strom jeden Preis!

Die neueste Verwirrung besteht darin, den Solarstrahlung-zu-Strom-Wirkungsgrad von PV-Modulen mit dem Wärme-zu-Strom-Wirkungsgrad von Reaktoren zu vergleichen. Ein gewisser Kollege aus Berlin auf den Trick reingefallen. Aber es wäre genauso sinnvoll, bloß den Wirkungsgrad rein des PV-Wechselrichters zu betrachten!

Weil man den Wirkungsgrad von PV ab dem natürlichen Solarspektrum rechnet (AM 1.5), wäre dagegen gerecht, Atomstrom ab dem natürlichen Uranerz zu rechnen, also den Energieaufwand für die Gewinnung und Anreicherung einzubeziehen, aber vor allem einzukalkulieren, dass der größte Teil der Kernenergie des Urans im Müll landet. Das gibt einen Wirkungsgrad von Nullkommairgendwas Prozent. Wird bei Brutreaktoren etwas besser.

Noch gar nicht eingerechnet ist dabei, dass der PV-Strom vom Wechselrichter der*des Nachbar*in fast ohne Verluste ankommt; vom Kraftwerk auf dem Acker verpuffen dagegen um die fünf Prozent im Netz.

Aber es gibt ja noch die andere Sorte Atomstrom! Oder halt eben nicht. Ich fand die Lektüre von Edward Morse: Nuclear Fusion insofern frustrierend, weil das Buch derart viele Probleme aufzählt, die seit Jahrzehnten ungelöst sind. Eine überhaupt nicht LinkedIn- oder Bluesky-kompatible Darstellung.

Aber wollen wir uns etwa von der Physik aufhalten lassen? Nein, Deutschland wird in den 2040er Jahren einen Fusionsreaktor produktiv am Netz haben. Einen unproduktiven kann man sich bereits jetzt im Bastelkeller zusammenschrauben – und das ist, Stand heute, der deutlich belastbarere Termin.

Neuer Kommentar

0 Zeichen von maximal 1000

Ich bin die*der alleinige Autor*in dieses Kommentars und räume dem Betreiber dieser Website das unentgeltliche, nichtausschließliche, räumlich und zeitlich unbegrenzte Recht ein, diesen Kommentar auf dieser Webseite samt Angabe von Datum und Uhrzeit zu veröffentlichen. Dieser Kommentar entspricht geltendem Recht, insbesondere in Bezug auf Urheberrecht, Datenschutzrecht, Markenrecht und Persönlichkeitsrecht. Wenn der Kommentar mit einer Urheberbezeichnung (zum Beispiel meinem Namen) versehen werden soll, habe ich auch diese in das Kommentar-Textfeld eingegeben. Ich bin damit einverstanden, dass der Betreiber der Webseite Kommentare zur Veröffentlichung auswählt und sinngemäß oder zur Wahrung von Rechten Dritter kürzt.