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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben. Die Blog-Postings könnten Kraftausdrücke, potenziell verstörende Tatsachenbehauptungen und/oder Darstellungen von Stereotypen enthalten. Die Beiträge der vergangenen Wochen werden als Bestandteil der Internet-Geschichte in ihrer ursprünglichen Form gezeigt. Menschliche Autor*innen können unzutreffende Informationen über Personen, Orte oder Fakten liefern.

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Mathe ist Gewalt

2026-08-02 21:28

Zwei Wochen Prüfungsphase liegen hinter mir. Sitzplätze mit Abstand, Ausweise auf den Tischen, auf dem Beamer die PTB-Uhr, die für alle gleich schnell läuft, aber deren Zeit für niemanden gleich schnell vergeht. Ich bin durch die Gänge gegangen und habe Hände gesehen, die zitterten, und Blätter, die leer blieben. Anschließend habe ich Zahlen vergeben, die über Lebensentwürfe entscheiden. Meine Student*innen spüren, was da geschieht, und auch ich spüre es. So kann es nicht weitergehen.

Wer an dieser Stelle von Gewalt spricht, benutzt keine Metapher als Verstärker. Die Prüfung ist eine Disziplinartechnologie, in der Wissen und Macht in einem einzigen Akt zusammenfallen: Sie erzeugt die Differenz, die zu messen sie vorgibt. Sie verwandelt kulturelles Kapital in Begabung, Herkunft in Eignung und ein soziales Verhältnis in eine Note – und die Gewalt liegt nicht im Zwang, sondern darin, dass die Sortierten das Ergebnis für ihre eigene Wahrheit halten. Genau das meint symbolische, genauer: epistemische Gewalt. Nicht, dass jemand sichtbar schlägt. Sondern perfider, dass sich eine dominante Ordnung als alternativlos ausgibt.

Die Fotos des erstplatzierten und vor allem des zweitplatzierten Teams der aktuellen Internationalen Mathematik-Olympiade betrachtend, könnte man meinen, dass die Mathematik immerhin ihren jahrhundertelangen Eurozentrismus überwunden hat (wenn auch keineswegs ihren Phallozentrismus, so wie ich ihn den Fotos entnehme). Aber der Schein trügt, und er trügt auf die charakteristisch moderne Weise: durch Vereinnahmung. Der Eurozentrismus saß nie in den Gesichtern, sondern in der Geschichtsschreibung – und vor allem im Format. Wettbewerb, Leistung, Rangordnung, Zeitlimit, unausweichlich vorgegebenes Ziel: Das ist die Kolonialität des Wissens in Reinform, und sie bleibt unberührt davon, welche Person die Medaillen entgegennimmt. Denn das Kolonisierende ist nicht der Ort, an dem gerechnet wird, sondern der Anspruch, dass überall dasselbe gilt. Eine Olympiade ist die Materialisierung dieses Anspruchs: gleiche Aufgaben, gleiche Zeit, eine Skala für den ganzen Planeten. Man muss keine Kanonenboote mehr schicken, wenn alle Nationen freiwillig antreten.

Das Narrativ Mathematik verkauft sich als neutral, als unpolitisch. Zu ihren scheinbar harmlosen, tatsächlich aber perfiden Lehren gehört aber etwa die Behauptung, es gebe unlösbare Probleme. Das ist formal korrekt und politisch verheerend. Denn Unlösbarkeitsresultate bleiben nicht in ihrem Geltungsbereich: Sie wandern hinaus und naturalisieren eine Haltung. Aus einem Beweis über formale Systeme wird eine Lebensweisheit, aus einer Schranke ein Schicksal, aus dem tertium non datur die Alternativlosigkeit. Und schon der Begriff Problem trägt dieselbe reaktionäre Ideologie: Die Problem‑Lösungs‑Form übersetzt Verhältnisse in Aufgaben, Aufgaben werden einzeln bearbeitet, und wer scheitert, hat versagt statt gelitten.

Als Ironie der Geschichte erleben die Mathematiker*innen nun, wie sie durch ihre eigenen Erzeugnisse enteignet werden. Das ist kein Anlass zur Solidarität mit einem Berufsstand, sondern das Lehrstück selbst: Die instrumentelle Vernunft, jahrhundertelang auf die Welt und auf Student*innen angewendet, kehrt zu ihren Urheber*innen zurück und behandelt sie so, wie sie zu behandeln sie gelehrt hat. Wer Denken als Verfahren definiert, darf sich nicht wundern, durch das Verfahren ersetzt zu werden. Was folgt, ist die reelle Subsumtion der Mathematik unter das Kapital: die Einhegung eines epistemischen Commons, das über Jahrhunderte unentgeltlich akkumuliert wurde, in die Serverfarmen einer Handvoll übermächtiger Konzerne. Die technische Vollendung des Universalismus: eine Instanz, die überall gleich antwortet.

Wir können bislang allenfalls erahnen, wie ausbeuterisch und entfremdet künftige Mathe-Jobs in einem von OpenAI, Anthropic und Google kontrollierten Quasi-Monopol aussehen werden – falls es solche Jobs überhaupt noch in nennenswerter Zahl geben wird.

Umdenken und Umlenken sind also angesagt. Da kommt die zum Buch gewordene Dissertation The Epistemic Violence of Mathematics zu genau dem richtigen Zeitpunkt. Denken wir ein wenig mit diesem wegweisenden Text – im Sinne eines thinking-with, das sich nicht über seinen Gegenstand stellt, sondern sich von ihm affizieren lässt.

Die Autorin macht vier ineinander verwobene Modi epistemischer Gewalt aus, die ihren Ursprung und ihre Stütze in der Mathematik haben, aber weit darüber hinausreichen: Binarismus, Universalismus, Beweisführen, epistemische Notwendigkeit (S. 112). Der zweite ist derjenige, dem wir oben schon begegnet sind: Die Olympiade ist nichts anderes als der Universalismus, der sich einen Wettbewerb gebaut hat.

Die eminente Rolle des Binarismus ist wegen des die gesamte Mathematik durchziehenden wahr vs. falsch der klassischen Logik klar. Hier hätte man allerdings noch erwähnen können, dass auch Mathematik-immanente Erweiterungen der Logik daran nur an der Oberfläche etwas ändern: Ob SQL mit seinen Werten TRUE, FALSE, NULL, ob Fuzzy Logic oder Quantenlogik – die Definitionen, Sätze und Beweise darüber bleiben in das starre Korsett von wahr vs. falsch eingezurrt. Die Pluralisierung findet auf der Objektebene statt, die Metaebene bleibt hegemonial. Übrigens hätte sich die Liste der Binaritäten noch verlängern lassen: lösbar vs. nicht lösbar, beweisbar vs. nicht beweisbar, berechenbar vs. nicht berechenbar.

Was tun? Im ersten Schritt: epistemischer Ungehorsam (Kapitel 3), der subversiv Sand in das gut geölte Getriebe streut, ohne es komplett zu dekonstruieren. Das Buch nennt als Beispiele die Lehrwerke von McKellar und von D’Agostino – eine Pluralisierung der Bilder des doing mathematics.

Man kann Praktiken, Gleichungen, Rechnungen der Mathematik zweckentfremden und re-signifizieren, man kann sie benutzen, um Gefühle auszudrücken oder andere Lebenswelten sichtbar zu machen (S. 134): Mathematik als situiertes, verkörpertes Wissen statt als Blick von nirgendwo. Besonders am Herzen scheint der Autorin der Kampf gegen indirekte Beweise zu liegen (S. 145). Hier hätte der Begriff konstruktivistische/intuitionistische Mathematik nahegelegen. Ähnlich gelagert, aber noch substanzieller wäre der Verzicht auf die Negation. Hier hat die Autorin eine Chance vergeben, die Illusion der Wirkungsmacht von Mathematik kräftig einzuhegen.

Aber vielleicht wäre das schon radikal genug, um zum zweiten im Buch (Kapitel 4) vorgeschlagenen Schritt zu gehören, zur Wilden Mathematik. Auch hier gibt die Arbeit Beispiele: Unlösbarkeit als Erfahrung, die man am eigenen Leib machen kann (S. 161); die unterschiedliche Größe von Unendlichkeiten fühlen (S. 162); beim Zeichnen von Voronoi-Diagrammen schmecken und hören (S. 161 f.).

Die Arbeit betont mehrfach, dass Mathematik andere, insbesondere indigene Arten des Wissens auslösche (zum Beispiel S. 15) – ein Epistemizid, der sich als bloßer Fortschritt maskiert. Sie warnt aber klugerweise davor, zur Abhilfe einfach Ethnomathematik an das bestehende Curriculum anzuflanschen, weil eine solche Add-on-Diversität den normativen Charakter der (traditionell westlichen) Mathematik erst recht verfestige (S. 148). Andererseits fände ich Lehreinheiten etwa zu geknoteten Fäden als Datenbanken oder zu kunstvoll geschwungenen Verbindungen von Punktgittern reizvoll; schnell gerät man damit aber in den Bereich extraktivistischer Aneignung.

Besonders gut gefällt mir der Vorschlag zum strategischen Vorgehen: Man kann und sollte manchmal – dann, wenn es einem nützt – Affären mit der Notwendigkeit haben (oder vielleicht griffiger formuliert: mit der überkommenen Logik flirten), aber niemals eine Partnerschaft mit ihr eingehen (S. 141). Ein strategischer Essentialismus für den Seminarraum. Den Bau der Mathematik wie ein Stamm Termiten untergraben, um die Tunnel des Sag- und Denkbaren zu verbreitern (S. 24 und 121) – und so das hohle Gebäude der Mathematik zu dekonstruieren.

Eine grundlegende Fragestellung, die ich im Buch vermisse, ist die nach unserer aller stillen Komplizenschaft: Wie ließe sich die tiefe Verwobenheit der Mathematik mit der Gesellschaft überhaupt lösen? Von der Steuererklärung bis zum Tomografiegerät, vom Mobiltelefon bis zur Zielerfassung haben sich ihre Konzepte und Methoden in unser Denken und Handeln eingegraben – nicht bloß als Werkzeug, sondern als Infrastruktur des Selbstverständlichen. Epistemischer Ungehorsam und Wilde Mathematik sind Schritte in die richtige Richtung – aber genügen werden sie wohl kaum.

Und für mich persönlich stellt sich natürlich die Frage nach der konkreten hochschuldidaktischen Umsetzung mit constructive alignment und Kompetenzorientierung. Im Februar sitzen wir wieder da, in Reihen mit Abstand, Ausweisen auf den Tischen. Ich könnte die Aufgaben ändern, die Bewertung öffnen, die Zeit strecken. Was ich nicht ändern kann, solange ich unterschreibe: dass am Ende eine Zahl steht und jemand sie bekommt. Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf mein eigenes So kann es nicht weitergehen – dass es erst einmal weitergeht, und ich derjenige bin, der es weitergehen lässt.

Dieser Text ist im Modus des think-with and write-with mit Claude Opus 5 entstanden. Die reelle Subsumtion beginnt am eigenen Schreibtisch.

Kommentar vom 2026-08-09, 11:01

Es dauert zu lange, bis klar wird, dass es hier um die Rezension eines Buches geht, oder dieses den Ausschlag gab, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Doch es fehlt eine pointierte Diskussion der titelgebenden „These „Mathematik ist Gewalt“. Viele Fachbegriffe, Zitatfetzen eingeworfen, aber der Zusammenhang bleibt fragmentiert und vage. Wenn man schon Begriffe aus einem Buch zitiert, sollte man sie auch erklären und nicht nur Titel/Autor im Werk zitierter Werke zitieren. So wirkt es wie ein gelehrter Insidertext, der szenische Einstieg, der am Ende nochmal aufgenommen wird, soll irgendwie Realität und Theorie verknüpfen und das Thema lebensnah gestalten (?).

Es fehlt eine Idee, was Sie eigentlich sagen möchten. „Epistemischer Ungehorsam und Wilde Mathematik sind Schritte in die richtige Richtung – aber genügen werden sie wohl kaum.“
So lesen sich Pressemitteilungen politischer Organisationen: schwammig, ungefähr, weil "man auch mal was sagen muss."

Kommentar vom 2026-08-10, 13:21

Ja, besorgniserregend könnte man meinen und doch gleichzeitig so unglaublich spannend. KI übernimmt Aufgaben, die KI eben gut kann und überlässt den Rest uns, den Menschen. DAS ist jetzt das Spannendste! Was wird das sein? Was destilliert sich letztendlich als Menschsein heraus, wenn man KI das zu tun überlässt, was sie am besten kann?

Kommentar vom 2026-08-12, 22:17

@Kommentator*in von 11:01:
"Fix the cigarette lighter."
Elwood führt das neue Bluesmobil vor: Cop-Motor, Cop-Reifen, Cop-Federung. Jakes einziger Kommentar gilt dagegen dem Zigarettenanzünder, dessen Glüheinsatz er zuvor eigenhändig aus dem Fenster geworfen hat.
Kein Wort von Ihnen zur Prüfung als Disziplinartechnologie, zum Universalismus der Olympiade, zur Frage, ob Unlösbarkeitsresultate ihren Geltungsbereich verlassen. Stattdessen: Aufbau, These, Begriffserklärung, Rahmenhandlung. Ein Formgutachten.
Die Standardoperation: Text aus dem Bauch heraus nicht mögen, das Gefühl mit Kriterien aufrüsten, die auf jeden und damit auf keinen Text passen. Kein Widerspruch, den man belegen müsste. Nur ein Raster aus der falschen Gattung, quer aufgelegt, bis es irgendwo klemmt.
J. L. mit Claude Opus 5

Kommentar vom 2026-08-13, 09:07

@Kommentator*in von 13:21:
Ich habe Claude Opus 5 gebeten, das für jene Frage relevante Meme in einen Meyrink-Text zu übersetzen:

Ich fragte den kleinen Buddha aus Speckstein, der seit Jahren auf dem Kaminsims steht und noch nie ein Wort verloren hatte, ob es einen Unterschied gebe zwischen dem Menschen und dem Uhrwerk.
"Wähle alle Bilder mit Ampeln aus", sagte er, ohne die Augen zu öffnen.
"Und die halbe Ampel am Rand?"
"Eben die." Er schien sich zu amüsieren. "Das Uhrwerk klickt sie an, ohne zu zucken. Du aber stockst. Und in diesem Stocken, mein Lieber, wohnt deine gesamte unsterbliche Seele."

J. L.

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