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Vorsicht, Lösung!

2026-08-08 22:17

Steuererklärung, Geldanlage und Unternehmensgründung in der Schule unterrichten, die öffentliche Verwaltung digitalisieren, so dass man keine Dokumente von Amt A nach Amt B tragen muss und Formulare erstens elektronisch und zweitens vorausgefüllt sind: Das sind alles toll klingende Ideen, aber deren Konsequenzen denkt kaum jemand zu Ende.

Hier mal im Detail ausbuchstabiert:

Wenn in der Schule erklärt wird, welche Interpretationen und Gestaltungsmöglichkeiten nicht in der offiziellen Anleitung auf ELSTER stehen, dann wird die Steuergesetzgebung zwangsläufig komplexer werden, denn irgendwoher muss das Geld ja kommen. Auch bei der Geldanlage: Wenn alle Leute die verbriefte indirekte Mezzanine-Immobilienprojektfinanzierung über eine fondsgebundene Inhaber*innenschuldverschreibung beherrschen (die Krankenkassen tun das augenscheinlich noch nicht), wird damit kein Gewinn mehr zu machen sein.

Und die Unternehmensgründung: Es kann nicht sein, dass sich plötzlich alle selbständig machen. Wir sind hier ja schließlich nicht im Silicon Valley. Wir gründen Genoss*innenschaften. Schlimmer noch, wenn besagter Unterricht praxisrelevant wäre (die Chance ist mikroskopisch klein) und die Kompetenzen vermitteln würde, eine polnische sp. z o.o. im Besitz einer Delaware C-Corp zu gründen.

Nun noch die Verwaltung: Je einfacher es ist, einen Antrag zu stellen (keinen halben Tag freinehmen, nicht die beglaubigte Geburtsurkunde von A nach B tragen), desto mehr Anträge werden gestellt und desto schneller ist das Geld alle. Wer Anträge einfach macht, bekommt Anträge! Wo soll das hinführen? Obendrein wäre es gefährlich, wenn durch eine etwaige Rationalisierung in der Verwaltung jemand dort Zeit für kreative Gedanken zum Suchen von Leichen im Keller bekäme (Beispiel: beim Management von Backups die verschiedenen Mindest- und Maximalspeicherdauern für Daten wie E-Mails oder Server-Logs berücksichtigen). Da ist das Übertragen der handschriftlichen Angaben aus Papierformularen in den Computer sicherlich die harmlosere Alternative.

Für die Einzelteile haben wir längst Namen. Der Rebound-Effekt sagt: Was billiger wird, wird mehr. Der Solutionismus sagt: Wer einen Hammer hat, sieht überall Formularserver. Und das schönste Bild liefert die Medizin, nämlich die nosokomial erworbene Infektion: Man holt sie sich genau dort, wo man behandelt wird, und resistent ist der Erreger geworden, weil vorher so flächendeckend (wenn auch nicht gründlich) behandelt wurde. Die Lösung produziert das nächste Problem nicht aus Versehen, sondern aus Flächendeckung.

Und dann gibt es noch die Motive. Das Shirky-Prinzip: Institutionen neigen dazu, das Problem zu erhalten, dessen Lösung sie sind. Pournelles ehernes Gesetz: In jeder Behörde setzen sich am Ende die durch, die der Behörde dienen, nicht dem Zweck. Der Politician’s Syllogism: Es muss etwas geschehen, dies ist etwas, also muss dies geschehen. Keiner dieser Mechanismen braucht böse Absicht. Sie brauchen nur, dass niemand sie stört.

KI wirft nun für all diese Effekte den Turbo an. Der früher nötige mentale Aufwand verliert seine Filterfunktion. Er war ja nie Selbstzweck, sondern ein Proof of Work: Wer Wochen an einem Dokument gesessen hat, meinte es vermutlich ernst. Wer in zwölf Sekunden einen Prompt hinrotzt, meint erst mal gar nichts. Das gilt für die Doktor*innenarbeit ebenso wie für den Antrag auf Erteilung einer immissionsschutzrechtlichen Genehmigung nach § 4 BImSchG für die Errichtung und den Betrieb einer Windenergieanlage.

Watzlawick, dieser weise Mensch, hat schon fürs Zusammenleben im kleineren Rahmen beschrieben, wie regelmäßig die Lösung das Problem ist – und dass dann keine noch nochere Lösung hilft, sondern nur eine Lösung zweiter Ordnung: eine, die nicht am augenscheinlichen Problem ansetzt, sondern zum Beispiel an denen, die es für ein Problem halten. Für Paartherapie ist das ein etablierter Ansatz. Für Behörden und Großunternehmen muss er das wohl noch werden.

Der Verwaltungskram ist aber nur einer von vielen Orten kurzsichtiger Entscheidungen. Man baut für viele Milliarden und über lange Jahre Hochgeschwindigkeits-Zugtrassen, verkauft dann aber nur Tickets mit Zugbindung, so dass die Leute sicherheitshalber eine Stunde vor der geplanten Abfahrt am Bahnhof stehen. Zeitgewinn gleich null. Wer mehr solcher schönen Beispiele sucht, wird im überaus lehrreichen Buch Alchemy: The Surprising Power of Ideas That Don’t Make Sense fündig.

Die Hochschulen überbieten einander gerade darin, pro Modul vier oder gar unendlich viele Prüfungsversuche anzubieten. Will man die immer länger werdende Studiendauer verkürzen, ist das aber vielleicht genau der falsche Weg.

Die jüngste naheliegende Idee ist die Bremer Arbeitszeiterfassung für Lehrer*innen per App. Wenn eine Person den Job entspannt angeht, trägt sie*er dann dort wirklich weniger als 41 Stunden in der Woche ein? Und bekommt, wer mehr als 45 Stunden einträgt, eine Pflichtschulung zur effizienten Arbeitsorganisation obendrauf gepackt? Darauf werden die meisten dankend verzichten. Absehbares Resultat: Die gemessene Wochenarbeitszeit wird erstaunlich genau 41,0 Stunden betragen. Die Lösung erster Ordnung war also erfolgreich!

Claude Opus 5 hat bei der Dramaturgie und an einigen Stellen beim Formulieren geholfen. Und zum Bild: Ja, der, äh, Feuerlöscher hängt auf seiner rechten Seite zu lose an der Wand. Das ließ sich nicht wegprompten.

Kommentar vom 2026-09-07, 21:49

Der Link zur Seite https://systemische-fortbildung.de/wie-loesungen-zum-problem-werden/ führt nicht mehr zum gewollten Inhalt. Kann über https://web.archive.org/web/20240415095031/https://systemische-fortbildung.de/wie-loesungen-zum-problem-werden/ wieder abgerufen werden. So etwas muss doch erhalten bleiben. Grüße, HK

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