Home | Lehre | Videos | Texte | Vorträge | Software | Person | Impressum, Datenschutzerklärung | Blog RSS

Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben. Die Blog-Postings könnten Kraftausdrücke, potenziell verstörende Tatsachenbehauptungen und/oder Darstellungen von Stereotypen enthalten. Die Beiträge der vergangenen Wochen werden als Bestandteil der Internet-Geschichte in ihrer ursprünglichen Form gezeigt. Menschliche Autor*innen können unzutreffende Informationen über Personen, Orte oder Fakten liefern.

vorheriger | Gesamtliste | jüngste | nächster

Nach dem Prompt die Sintflut

2026-08-25 21:22

Ich habe mich verschätzt. KI benötigt doch keine überragende Intelligenz, um uns zu erledigen. Vielmehr genügt eine massive Zahl von KI-Instanzen mit in Teilbereichen menschlicher Intelligenz, aber riesigem Wissen und großer Ausdauer. Das genügt für einen vernichtenden Distributed-Denial-of-Service-Angriff durch Überflutung.

Die Roboter im Aufmacherbild sind nicht böse. Sie liefern. Jeder Brief, jede Akte geht auf ein Anliegen zurück, das jemand in gutem Glauben vorgebracht hat. Wer zurückweist, tut jemandem Unrecht. Genau daran erstickt das Büro. Denn was unsere Verfahren bisher offen gehalten hat, war nie ihre Klugheit oder gar ihre Effizienz. Es war der Umstand, dass das Einreichen wehtat. Formulare als CAPTCHA oder noch treffender als Rate Limiter. Reibung als kritische Infrastruktur.

arXiv, Konferenzen und Journals ertrinken in Einreichungen. Ich nehme an, dass das auch für Drittmittel bzw. Stipendien gebende Organisationen gilt. So hatte die Studienstiftung ja im Mai bei der Promotionsförderung das Handtuch geworfen.

Dazu kommen in der Haltung und auch formal makellose Haus- und Abschlussarbeiten, die man von vorne bis hinten lesen muss, um noch einen Vorwand zu finden, sie nicht mit 1,0 bewerten zu können. (Anders als weiterhin kolportiert, stimmen die Literaturverweise inzwischen, wenn man ein bisschen Geld ausgibt.)

BAföG-Anträge scheinen bisher nicht betroffen, obwohl sie als zu schwer für (angehende) Studierende gelten. Bei Patentanmeldungen bewegt sich dagegen allmählich etwas. Ob die Erfindungen funktionieren, interessiert das Patentamt sowieso nicht. Der wesentliche Sinn von Patenten besteht darin, die Konkurrenz davon abzuschrecken, Patentklagen einzureichen: mutually assured destruction.

IFG-Anträge hat die Politik schon im Visier, ebenso exzessive Datenschutzselbstauskünfte. Und das Bundesverfassungsgericht legt die Latte für eine Verfassungsbeschwerde immer höher. Bin gespannt, wie sich die Lage bei Widersprüchen zu Prüfungen und Klagen gegen Notenvergaben entwickeln wird. Oder beim Melden von falsch Parkenden.

Natürlich wird das inzwischen erforscht: Characterizing Agentic Flooding of Government Services. Dort zeigen die Kurven für zehn verschiedene Arten von Rechtsbeschwerden steil nach oben, allerdings mit Aufwärtstrend schon vor dem Erscheinen von Chatti. (Zu den Risiken der Verwaltungsdigitalisierung siehe auch meinen Blogbeitrag Vorsicht, Lösung!.)

Man denkt kurz an den Paperclip Maximizer, aber der passt nicht: Dort ist das Ziel verrutscht, hier aber tut jede*r Beteiligte genau das, was vernünftig ist, und die Dienstleistungen der KI sind im Unterschied zu den Büroklammern komplex und von den Anwender*innen hoch geschätzt. Näher liegt der Colt, der Gleichmacher im Wilden Westen: God created men, Col. Colt made them equal …

Wenn es um KI-bedingte Unbill geht, ist das größte Drama vielleicht nicht mehr das Spear Phishing. Dass die jüngste vermeintlich von ELSTER stammende Mail noch nicht meinen Namen und eine für meine Umstände plausible Rückfrage zu einem abgesetzten Arbeitsmittel enthielt, ist ja nur ein Zeichen technologischer Rückständigkeit. Das größte Drama ist auch nicht, dass KI offenen Quellcode gnadenlos nach Verletzlichkeiten durchwühlt oder Menschen den Job abnimmt, Bösartiges in ein fernes Ende der Lieferkette einzuspeisen.

Nein, Kriminalität und Sabotage sind konzeptionell einfach. Viel komplexer wird die Beurteilung, wenn die Maschine bloß nützlich ist und niemand etwas falsch macht. Das größte Drama ist also vielmehr, dass die KI-bedingte Vulnocalypse die Open-Source-Maintainer*innen in größtenteils irrelevanten Meldungen von Fehlern und Lecks versinken lässt. Wie lange halten Menschen das aus – vor allem, wenn sie nebenbei auch noch ihr Brot verdienen müssen? Die vormalige Festung Linux fällt nicht im Sturm, sondern durch Zermürbung: Die eigenen Leute melden ohne Pause jedes Mauseloch, aus dem heraus angegriffen werden könnte. Als letzte Rettung bleibt uns nur ein Gang nach Canossa. Der führt, wie sich herausstellt, über Redmond, WA.

Der eigentliche Schaden kommt gar nicht von der KI. Er kommt von uns. Wir haben uns auf den kognitiven Proof of Work als Schutzmechanismus verlassen und dabei in Kauf genommen, dass er vor allem die Privilegierten schützte. Ohne KI genügte das als Deich. Nur hat ihn nie jemand Deich genannt.

Die KI-Sintflut läuft dagegen auf eine von zwei Rettungsmaßnahmen hinaus. Maßnahme 1 ist die Arche: von jeder Art zwei, der Rest ersäuft. Gebühren für die Antragstellung, Rechtsanwält*innenpflicht, kurzfristig und versteckt veröffentlichte Ausschreibungen, Zutritt nur mit Empfehlungsschreiben. Der renovierte Proof of Work kostet Geld, Beziehungen und/oder Insiderwissen. Rein zufällig hat davon genau die Gruppe genug, die schon vorher drin war. Maßnahme 2 ist KI gegen KI. Eine KI prüft, was eine KI eingereicht hat. Die Bürokratie erreicht ihre endgültige Form: kein Mensch muss sie mehr verstehen.

Momentan ist der Proof of Work, um eine Partei zu gründen und damit an Wahlen teilzunehmen, noch deutlich entspannter als je zuvor. Die KI liefert Programm, Satzung, Pressemitteilungen und 200 Antworten auf empörte Tweets. Die Unterschriften muss man zwar weiterhin handschriftlich einsammeln, aber die Arbeit war nie das Unterschreiben, sondern das Finden – und dafür brauchte man bisher einen Apparat. If you were waiting for the opportune moment …

Beim Strukturieren und Formulieren haben Claude Opus 5 und ein wenig auch GPT-5.6 Sol geholfen.

Kommentar vom 2026-08-26, 05:15

Eine weiteres Einfallstor sind Beschwerden über Noten, Bewertungen und das Verhalten von Lehrkräften. Schulleitungen und Schulaufsichtsbeamte werden mit pseudojuristischen Schreiben überflutet, die persönlich beantwortet werden müssen und sehr viel Zeit binden.

Kommentar vom 2026-08-29, 20:48

Gerade die ersten Absätze sind grausig zu lesen... (Wenn man selber täglich mit Claude arbeiten (muss). Partizipialschwänze und Zwei-Hälften-Sätze, Snowclones, extreme Nominalisierung...).

Bitte wieder von Hand (oder, wenn es LLMs sein müssen; Gemini.)

Kommentar vom 2026-08-30, 21:06

@Kommentator*in von 20:48: Gemini? Zurück in die Steinzeit?? Glücklicherweise ist Sprachstil Geschmackssache; und wer diesen Blog nicht lesen will, darf gerne einen anderen lesen. Lustigerweise ist der Großteil der ersten Absätze handgeschrieben. J. L.

Kommentar vom 2026-09-08, 17:08

Hah! Mein Fehler oder J.L. schreibt schon wie Claude! Erklärung: https://link.springer.com/article/10.1007/s44382-026-00032-5

Kommentar vom 2026-09-09, 11:29

@Kommentator*in von 17:08: Na ja, Anthropic hat diesen Stil ja nicht erfunden, ebensowenig wie die em dashes. Vielleicht habe ich zu viele US-Magazines gelesen (wie auch die früheren Redakteur*innen des SPIEGEL das wohl getan haben). J. L.

Kommentar vom 2026-09-09, 14:43

Nochmal @Kommentator*in von 17:08: So klingt Claude in Reinkultur: Der Barbier zu Köln. Wie steht es um die intellektuelle Souveränität des Wissenschaftsrats?. J. L.

Neuer Kommentar

0 Zeichen von maximal 1000

Ich bin die*der alleinige Autor*in dieses Kommentars und räume dem Betreiber dieser Website das unentgeltliche, nichtausschließliche, räumlich und zeitlich unbegrenzte Recht ein, diesen Kommentar auf dieser Webseite samt Angabe von Datum und Uhrzeit zu veröffentlichen. Dieser Kommentar entspricht geltendem Recht, insbesondere in Bezug auf Urheberrecht, Datenschutzrecht, Markenrecht und Persönlichkeitsrecht. Wenn der Kommentar mit einer Urheberbezeichnung (zum Beispiel meinem Namen) versehen werden soll, habe ich auch diese in das Kommentar-Textfeld eingegeben. Ich bin damit einverstanden, dass der Betreiber der Webseite Kommentare zur Veröffentlichung auswählt und sinngemäß oder zur Wahrung von Rechten Dritter kürzt.