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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben. Die Blog-Postings könnten Kraftausdrücke, potenziell verstörende Tatsachenbehauptungen und/oder Darstellungen von Stereotypen enthalten. Die Beiträge der vergangenen Wochen werden als Bestandteil der Internet-Geschichte in ihrer ursprünglichen Form gezeigt. Menschliche Autor*innen können unzutreffende Informationen über Personen, Orte oder Fakten liefern.

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Die Bachelorarbeit, ein Nachruf

2026-08-30 21:09

Liebe Trauergemeinde! Sie starb so, wie sie gelebt hatte: ungelesen. Die Bachelorarbeit, 1999 bis 2026. Auch geschrieben wurde sie zuletzt von keiner Person mehr, abgesehen von der Unterschrift unter der Eigenständigkeitserklärung.

Es ziemt sich in dieser traurigen Stunde nicht, nach Schuld zu fragen. Wir fragen daher nach Ursache und, davon zu unterscheiden, nach Auslöser. Zu Letzterem habe ich eigene Untersuchungen mitgebracht. Zunächst aber wollen wir uns den Lebenslauf der lieben Verblichenen vergegenwärtigen. Die Ursache steht darin.

Sie sollte den Abschluss demokratisieren, die Studiendauer verkürzen und die Absolvent*innen früher entlassen, in den Arbeitsmarkt. Keines dieser Ziele hat sie erreicht, was ihr in bildungspolitischen Kreisen früh Anerkennung eintrug. Man hat ihr das nie vorgeworfen. Man hat sie evaluiert.

Ihre Blütezeit war die Zeit der Copyshops, der Frage nach Hardcover oder Spiralbindung, des geballten Ozons um 23:45 am Tag der Abgabe (Poststempel). Die ersten beiden Exemplare landeten nach drei Jahren datenschutzkonform im Schredder. Das dritte verblieb im elterlichen Regal und war damit das am längsten öffentlich zugängliche, als Beleg beim Kaffeekränzchen.

2005 kam Wikipedia, und die Fakultäten erklärten sie für nicht zitierfähig. Zitiert wurde fortan die Quelle, die in der Fußnote von Wikipedia stand. Damit war wissenschaftliches Arbeiten wiederhergestellt. Das System funktionierte.

2011 stolperte ein Verteidigungsminister über seine Dissertation. Die Aufrüstung erfasste auch die Verstorbene, die mit Dissertationen nicht im Entferntesten etwas zu tun gehabt hatte, und hinterließ Dienste, die zuverlässig nach Textstellen suchen, die es schon woanders gibt – und damit alles legitimieren, was es nirgends je gab. Das System funktionierte weiterhin.

Im Winter 2023 hätte man den Befund erkennen können. Die ersten maschinellen Arbeiten waren allerdings so schlecht, dass die Entwarnung sich aufdrängte: kurzatmig, redundant, mit Literaturangaben aus Phantásien. Man verglich, was da war, mit dem, was verlangt war, und fand die Differenz beruhigend. Dass sich diese Differenz binnen vierundzwanzig Monaten umkehren würde, stand in keiner Handreichung.

Das System reagierte mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Im Formular wurde das Feld zu Art und Umfang der verwendeten Hilfsmittel vergrößert. Ausgefüllt wurde es gewissenhaft. Wer ChatGPT, zur sprachlichen Überarbeitung einträgt, hat wahrheitsgemäße Angaben gemacht, und wahrheitsgemäße Angaben sind das Ziel des Verfahrens. Das System funktionierte bis zuletzt. Die Erklärung heißt weiterhin Eigenständigkeitserklärung.

Im letzten Jahr der Verblichenen wechselte der Schwierigkeitsgrad die Seite. Niemand kämpfte mehr um eine gute Arbeit, sondern nur um eine glaubwürdig unauffällige. Die Anweisung lautete: drei Tippfehler, ein holpriger Übergang in Kapitel 3, eine Schlussfolgerung knapp an der Fragestellung vorbei. Kurz: authentisch menschlich schreiben. Note 1,7.

Die Bearbeitungszeit betrug zuletzt 40 Minuten, davon 31 für das Literaturverzeichnis nach den Vorgaben der erstbegutachtenden Person. An diesem Detail sieht man, dass sie bis zuletzt bei Bewusstsein war. Der Redner blickt verwirrt vom Blatt auf, aber dann lichtet sich sein Stirnrunzeln: Die Bachelorarbeit.

Er legt das Blatt beiseite. Soviel zur Ursache. Ich sagte, ich hätte zum Auslöser eigene Untersuchungen mitgebracht. Sie liegen hier. Er vertieft sich in einen Stapel Computerausdrucke.

Noch in dieser Woche hatte ich mit ihr gearbeitet. Sie machte einen aufgeräumten Eindruck. Zwei realistische Themen, minimale Prompts für GPT-5.6 Sol Work und Claude Opus 5 Cowork.

Mein erster Versuch war noch eine zaghafte Aufforderung an GPT. Ich verlese:

Gefragt ist eine Analyse, ob es wirtschaftlich ist, Photovoltaik auf Sizilien zu installieren und dann die so gewonnene Energie nach Deutschland zu transportieren. Dabei sind viele Parameter zu optimieren: Lage und Größe der Anlage? Art des Energietransports: Stromkabel, Wasserstoff per Pipeline, Ammoniak per Schiff usw.? Ort und Art der Einspeisung der Energie in das deutsche Energiesystem? Einige Leute werden schon ähnliche Überlegungen angestellt haben; auf entsprechende wissenschaftliche Paper (IEEE, Springer, Fraunhofer usw., aber nicht umstrittene Quellen wie MDPI) sollte eingegangen werden. Ganz am Ende sollte ein etwa zwanzigseitiger korrekt formatierter Bericht als Dokument entstehen.

Und dann etwas Nachjustage:

Da stehen noch ganz viele Zahlenangaben ohne Quellenangabe oder Idee einer Herleitung/Schätzung drin. Und an vielen Stellen fehlen die Unsicherheiten, insbesondere in Abbildung 1. Und der Text ist oft im Telegrammstil; mach doch lieber 40 Seiten, falls nötig.

Damit dann in Claude:

Suche nach Fehlern, Fragwürdigkeiten und Lücken in der angehängten Studie. Schreibe entsprechende Kommentare und Änderungen im Überarbeitungsmodus in die docx-Datei.

Das Ergebnis muss uns mit Stolz erfüllen. 38 solide Seiten halte ich hier in Händen (alle Seitenangaben, da vom System abhängig, laut Word für das Web – Microsoft 365). Ein Titelblatt und eine linientreue Einleitung spendet die KI auch noch.

Wer dafür keine glatte 1,0 vergeben will, findet einen Fingerzeig in dem von Claude angemeckerten, aber nicht diesbezüglich korrigierten Verbundnetzfall (S. 13): Man sollte dann berücksichtigen, dass der Marktwert des Stroms von Viertelstunde zu Viertelstunde schwankt. Bei einer Stichprobe zeigt sich obendrein, dass Quelle Q13 einen falschen DOI hat. Beim Korrekturlauf hat auch Claude darüber hinweggelesen.

Weil mir Claude bei diesem Experiment schreibfreudiger schien, startete ich meinen nun beherzteren zweiten Versuch dort. Der Redner blättert.

Der norwegische Energieminister hat jüngst gesagt, Norwegen könne nicht als "grüne Batterie" für Europa dienen. Schreibe eine umfassende Analyse dieser Aussage. Beachte insbesondere betriebs- und volkswirtschaftliche Aspekte, den Stand und die Entwicklung der Energietechnik, vorhandene Anlagen und Ausbaupotenziale in Norwegen und im übrigen Europa, Entwicklungen im Netzausbau (regional, national, Europa) und in der Elektrifizierung, regionale und nationale und europäische Politik. Diese Punkte sind nicht alle gleichermaßen wichtig; vielleicht fehlen auch welche. Finde selbst eine sinnvolle Gliederung und Gewichtung. Bei Deinen Überlegungen stütze Dich auf verlässliche Daten und Forschung (IEEE, Springer, Fraunhofer usw., eher nicht MDPI). Dokumentiere, aus welchen Quellen/Rechnungen/Schätzungen die von Dir benutzten Zahlen, Prognosen und Annahmen stammen. Behandele auch die jeweiligen Unsicherheiten. Am Ende soll ein etwa vierzigseitiger, korrekt formatierter Bericht als .docx-Dokument entstehen.

Auch hier etwas Nachjustage:

Der Titel sieht nach einem Zitat aus, aber diesen Satz hat niemand wörtlich gesagt. Und schreib das Inhaltsverzeichnis schon mal selbst rein, ohne dass ich es in Word aktualisieren muss. Und bei den Quellen, die reine Online-Quellen sind, gebe URL und Datum des letzten Zugriffs an.

Und dann in GPT:

Suche nach Fehlern, Fragwürdigkeiten und Lücken in der angehängten Studie. Schreibe entsprechende Kommentare und Änderungen im Überarbeitungsmodus in die docx-Datei.

Aber dieses Mal wieder zurück in die ursprüngliche KI, also Claude:

Arbeite die Kommentare in der angehängten Datei durch. Beantworte die und ändere ggf. den Text entsprechend. Alles weiterhin im Überarbeitungsmodus.

Ich will in dieser Stunde mit Lob nicht geizen. Das Resultat mit seinen 62 Seiten schlägt alles, was ich vor 2023 von Student*innen gelesen habe. In meiner Literatur-Stichprobe erwies sich die URL für das (existente) Paper Charmasson et al. (2017) als tot, aber das mag bloß eine Server-Störung übers Wochenende sein.

Formal fällt auf, dass Aufzählungen nicht bei 1 beginnen (zum Beispiel S. 12) und Gedankenstriche für das Deutsche untypisch als Geviert- statt Halbgeviertstriche gesetzt sind. Einige Begriffe scheinen aus dem Norwegischen durchgeschlüpft zu sein, zum Beispiel Kraftbilanz (S. 5) und Ölkraft (S. 37). Und keine der beiden KIs hat 1 369 MW als 1.369 MW geschrieben oder besser noch gerundet (S. 5).

Man soll über Tote nichts Schlechtes sagen. Es ziemt sich nicht, anzumerken, dass bei Die Übertragungskapazität nach Kontinentaleuropa und Großbritannien beträgt und bei fällt der Beitrag eher kleiner aus als ein Prozent (beide S. 5) Quellenangaben als Beleg fehlen. Oder dass bei davon abzüglich Eigenbedarf und Netzengpässen exportierbar (S. 13) eine Zahlenangabe zu fehlen scheint. Oder dass im Anhang B kommentarlos mit den 65 Mio. €/a statt mit den ungünstigeren 98 Mio. €/a weitergerechnet wird (S. 57).

Einige Lehren, die wir aus dem Ableben unserer treuen Freundin ziehen: Claude will (noch?) keine Gleichungen mit dem Word-Formeleditor setzen, so dass mathematische Ausdrücke unansehnlich werden. Deshalb könnte Markdown oder LaTeX statt .docx eine bessere Option sein. Allerdings mangelt es denen an offiziellen Wegen für Überarbeitungshistorie und Kommentarthreads. Und dass ich um fest eingetragene Seitenzahlen im Inhaltsverzeichnis gebeten habe, statt es bei der Word-Automatik zu belassen, war dumm, denn die verschieben sich insbesondere je nach Programm und Rechner.

Also: Man wird erschlagen. Nicht von Behauptungen, gegen die sich etwas einwenden ließe, sondern von Sorgfalt. Es ist praktisch alles da: die Gegenposition, die Einschränkung, der Hinweis auf die dünne Datenlage. Fast jeder Einwand, den ich vorbringen wollte, stand bereits im Text, in einem Nebensatz, sauber belegt.

Diese Arbeiten zu prüfen, würde mich Tage kosten. Das trägt auch die Idee zu Grabe, dass Student*innen in der Lage sein sollten, die KI zu prüfen. Im Endeffekt sind solche Arbeiten wie Studien von Fraunhofer oder Wuppertal-Institut oder oder: Man kann sie nur noch glauben oder nicht. Die Details nachzuvollziehen, ist vom Arbeitsaufwand her aussichtslos.

Diese Komplexität hat noch einen weiteren Effekt: Selbst wenn ich eine solche Studie eigenhändig verfasst hätte, wüsste ich nach zwei Tagen nicht mehr, was ich im Detail gemacht habe. Das kann ich also auch nicht ernsthaft von Student*innen in Zwischenbesprechungen (die sowieso nicht notenrelevant sind) oder im Abschlusskolloquium erwarten. Man müsste bei FBI oder CIA Schulungen zu Verhörtechniken buchen.

Der Kollege Pangram 4.0 aus der Pathologie diagnostizierte beide Texte als zu 100 % KI-positiv (getestet mit dem konsolidierten, von Kommentaren befreiten Text der Kapitel 1 und 2 des ersten Dokuments und dem Text der Abschnitte 2.1 bis 2.3 des zweiten Dokuments). Aber die Eigenständigkeitserklärung enthält ja schon die Generalamnestie: ChatGPT, zur sprachlichen Überarbeitung.

Liebe Trauergemeinde, damit nun endlich zum Auslöser. Ich habe ihn gesucht, und ich habe ihn gesehen. Im Spiegel.

Der Auslöser war nicht, dass die Maschine schreiben kann. Das konnte sie 2023 auch schon, nur schlecht, und das hat uns damals sehr beruhigt. Solange nur produziert statt auch gegengelesen und gegen-gegengelesen wurde, blieb uns Menschen immerhin das Überprüfen. In meinen beiden Versuchen habe ich auch das noch weggegeben und mich mit Geviertstrichen und einer falschen DOI begnügt.

Wir waren es. Wir laufen ja auch nicht die vierhundert Meter zum Zigarettenautomaten. Und wir werden es wieder tun. Ich jedenfalls habe da noch zwei Themen liegen, und es ist erst 21:00 Uhr.

Der Redner ordnet den Papierstapel und legt ihn zur Seite.

Eines noch. Diese Rede habe ich selbst verfasst. Dass es im Zuge ihrer Entstehung, bedingt durch die Unübersichtlichkeit des Materials und die besonderen Umstände ihrer Anfertigung, zu vereinzelten Übernahmen von Claude ohne hinreichende Kenntlichmachung gekommen sein könnte, ist nie behauptet worden.

[Nachtrag: AI Philosophy Competition: 1st Edition]

Kommentar vom 2026-08-30, 23:21

Danke für die spannende, aber leider auch beunruhigende Lektüre. Das Thema hat mich heute maximal getriggert, habe ich doch gestern noch die Bachelorthesis meiner Tochter Korrektur gelesen und selbst erst letzte Woche meine bestandene IHK-Prüfung zum KI-Manager gefeiert. Neben der Dringlichkeit, Governance, Datenschutz und den verantwortungsvollen Human-in-the-loop zu installieren kann ich uns nur wünschen, das wir alle zusammen und wachsam mit Herz, Hirn und Haltung den verlockenden Herausforderungen der neuen Möglichkeiten ins Auge sehen. Ich gebe das gerne mit auf den Weg, wenn ich beim Check-In oder im Recap gefragt werde, was mich motiviert, oder was ich Positives aus dem Meeting oder Workshop für mich mitnehme: Herz, Hirn und Haltung. Früher hätte ich gesagt: „Gesunden Menschenverstand“, das hat damals jeder verstanden. Heute muß ich immer erst meinen Wertekompaß erklären, um nicht als zu konservativ wahrgenommen zu werden. Aber damit kann ich inzwischen auch leben. LG Ulf Soldan

Kommentar vom 2026-08-31, 06:39

Δύναμη σέ μας.

Kommentar vom 2026-08-31, 09:39

Sehr schön geschrieben (von wem auch immer), aber mir fehlt da jetzt so ein bisschen der Call to Action. Wir müssen aufhören, dass Problem zu bewundern und eher eine Lösung finden, denn ich glaube wir haben kein Erkenntnisdefizit sondern ein Umsetzungsdefizit. Siehe dazu auch https://mathiasmagdowski.wordpress.com/2024/11/15/ki-textgeneratoren-vs-hausarbeiten/
Doris Weßels hat diesen Teufel ja schon 2018 an die Wand gemalt:
Aufzeichnung Offener Kanal Kiel: https://www.oksh.de/ki/sehen/mediathek/?beitrag=kuenstliche-intelligenz-perspektiven-fuer-schleswig-holstein-das-duell-der-ki-agenten-wissenschaftliche-arbeiten-an-hochschulen-vor-der-sinnfrage (M.M.)

Kommentar vom 2026-08-31, 09:41

Nachtrag: Den Vortrag bzw. das Ein-Personen-Theaterstück "KI in der wissenschaftlichen Arbeit - eine Sinnfrage" von Doris Weßels der FH Kiel findet man auch bei YouTube.
https://www.youtube.com/watch?v=FealevBwM3g

Kommentar vom 2026-08-31, 10:14

@M.M.: Ein "Call to Action" ist der Imperativ des Kapitals im Gewand der Fürsorge. Die Bourgeoisie produziert ihre eigenen Totengräber*innen, im Workshop-Format. J. L.

Kommentar vom 2026-08-31, 10:56

@Ulf Soldan: "habe […] die Bachelorthesis meiner Tochter Korrektur gelesen": Bourdieus feine Unterschiede beginnen dort, wo Nachhilfe nicht bezahlt, sondern gefrühstückt wird. J. L.

Kommentar vom 2026-08-31, 20:46

Lieber Jörn Loviscach,

ich habe meine "Doris Avatarin" (Custom GPT) gebeten, einen Kommentar zu formulieren. Hier mein digitales Ich ;-) im O-Ton, wobei ich nicht weiß, ob ich damit untenstehende Erklärung, die Du verlangst, damit verletze ?!:

"großartig zugespitzt – und gleichzeitig ziemlich verstörend. Der Nachruf trifft einen wunden Punkt. Trotzdem möchte ich die Bachelorarbeit noch nicht ganz beerdigen. 😉

Für mich stirbt gerade weniger die Bachelorarbeit als vielmehr unsere Vorstellung, dass ein perfektes schriftliches Endprodukt noch ein belastbarer Nachweis individueller Kompetenz ist.

Vielleicht müssen wir deshalb noch radikaler vom Produkt zum Prozess denken: Was soll ein Mensch am Ende eines Studiums wirklich können? Was davon wollen und müssen wir prüfen?

Die eigentliche Trauerfeier gilt für mich deshalb nicht der Bachelorarbeit. Sie gilt unserem alten Verständnis von Prüfungsleistung. Und danach sollten wir ziemlich schnell über die Wiedergeburt nachdenken. 😉"

Kommentar vom 2026-08-31, 21:33

@Kommentator*in von 20:46: Die intellektuellen Fähigkeiten und erst recht der Fleiß und das Durchhaltevermögen der KI übersteigen inzwischen die aller meiner Student*innen und in vielen Aspekten auch meine. Prüfungen sind also eine (sowieso zweifelhafte) Messlatte für eine Ware, die der (Arbeits-)Markt weniger und weniger nachfragt. Wir sollten damit aufhören, die Liegestühle auf der Titanic zurechtzurücken, und uns stattdessen auf die Suche nach Rettungswesten machen. J. L.

Kommentar vom 2026-09-02, 14:15

Vielleicht ist die Konsequenz aus KI gar nicht, Prüfungen „KI-sicher“ zu machen, sondern zu fragen, wozu wir sie überhaupt noch brauchen.

Noten waren schon vor KI nur ein begrenzter Kompetenznachweis: Bulimielernen, Durchmogeln, unterschiedliche Anforderungen und schwankende Lehrqualität gab es längst. In der Praxis müssen viele Absolventen ohnehin erst einmal neu lernen.

Warum also nicht den Fokus auf möglichst gute, interessante und effiziente Lehre legen und statt Noten vor allem Teilnahme und praktische Aktivitäten dokumentieren? Wer nicht ständig für Prüfungen optimieren muss, kann sich stärker aufs tatsächliche Lernen konzentrieren.

Wo konkrete Fähigkeiten wirklich sicher beherrscht werden müssen, kann man sie gezielt praktisch prüfen. Aber Prüfung sollte die begründete Ausnahme sein, nicht der Normalzustand.

Kurz: so viel gute Lehre wie möglich, so wenig Prüfung wie nötig.

*Gedanken von mir, sprachlich von ChatGPT etwas aufgehübscht (und um 70% gekürzt). :D*

R.D.

Kommentar vom 2026-09-02, 15:54

@R.D.: Die erste problematische Annahme ist, dass es nennenswert vielen Menschen um das Lernen als solches ginge. Diese Annahme ist unter intellektuell privilegierten Personen verbreitet, die sich nicht vorstellen können, dass die meisten anderen Menschen anders ticken als sie. Aber stattdessen geht es vor allem um den Zettel mit dem Abschluss, vielleicht auch (je nach Geldbeutel der Eltern) um eine schöne Zeit, bevor der Ernst des Lebens beginnt. Literaturempfehlung: The Case Against Education. Die zweite problematische Annahme ist, dass man noch so viele Arbeitnehmer*innen bräuchte, dass es sich für die*den Einzelne*n wirtschaftlich lohnen würde, sich zu Humankapital zu formen oder formen zu lassen. Aber dazu siehe meinen vorigen Kommentar. J. L.

Kommentar vom 2026-09-06, 14:32

Gerade bei der Eigenständigkeitserklärung würde ich doch vermuten, dass sie nicht selbst geschrieben, sondern von irgendwoher kopiert wird. Zu meiner Zeit gab es das noch nicht, aber ich hätte es bestimmt so gemacht. Komischerweise musste ich gar nichts unterschreiben, wodurch auch eine eventuell nötige Eigenständigkeitserklärung entfiel.

Kommentar vom 2026-09-07, 11:50

@Kommentator*in von 14:32: Wenn jede*r ihre*seine selbstformulierte Eigenständigkeitserklärung verwenden dürfte, müsste man ja jede davon einzeln juristisch auf Gültigkeit prüfen. Schon allein deshalb standardisieren die Hochschulen das inzwischen. Beispiel. J. L

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