Um die Gleichung \[x^2 = -1\] zu lösen, erfindet man die imaginäre Einheit, genannt \(i\) oder \(j\). In der Mathematik und der Physik schreibt man \(i\), in der Elektrotechnik \(j\), weil dort schon die Wechselstromstärke \(i\) heißt. Wolfram Alpha versteht aktuell nur \(i\), Python nur \(j\). Es gibt dann auch sofort eine zweite Zahl, die dieselbe Gleichung löst, nämlich \(-i\), denn \[(-i)^2 = ((-1)\cdot i)^2 = (-1)\cdot i \cdot (-1) \cdot i = (-1)^2 \cdot i^2 = 1 \cdot i^2 = -1.\]
Die Menge der komplexen (das heißt: zusammengesetzen) Zahlen entsteht, indem man alle möglichen Kombinationen aus reellen Zahlen mit der imaginären Einheit bildet: \[{\mathbb C} = \{ 2+3i, \sqrt{7}-76i,0+34i, \pi+\tfrac{54}{29}i,\ldots \}.\]
Die reellen Zahlen sind darin als Teilmenge \(\{ 2+0i, \sqrt{7}-0i,0+0i, \pi+0i,\ldots \}\) eingebettet.
Nun lässt sich beispielsweise die quadratische Gleichung \(x^2-2x+5 = 0\) lösen: Stumpfes Anwenden der \(pq\)-Formel liefert \[x_{1,2} = 1 \pm \sqrt{1^2-5} = 1 \pm \sqrt{-4} = 1 \pm 2i.\]
Erstaunlich ist, dass für komplexe Zahlen weiterhin die üblichen Rechengesetze gelten. So ist zum Beispiel die Reihenfolge beim Addieren und Multiplizieren egal und man kann wie gewohnt ausmultiplizieren und ausklammern.
In Gleichungen schreibt man für variable oder unbekannte komplexe Zahlen gerne \(z\) statt \(x\). Realteil und Imaginärteil einer komplexen Zahl sind so definiert: Für \(z=a+bi\) mit \(a,b \in \mathbb{R}\) ist der Realteil \(\mathrm{Re}(z)=a\) und der Imaginärteil \(\mathrm{Im}(z)=b\), wohlgemerkt \(b\) und nicht \(bi\). Zum Beispiel: \(\mathrm{Im}(-3+4i)=4\).
Die Menge \(\mathbb C\) der komplexen Zahlen lässt sich wie die Menge \({\mathbb R}^2\) mit einer Ebene veranschaulichen. Dann nennt man die Ebene die Gaußsche Zahlebene. Die Achsen sind der Realteil und der Imaginärteil der jeweiligen Zahl. Man zeichnet eine komplexe Zahl meist als Pfeil ein, nicht als Punkt:
Die meisten Operationen mit komplexen Zahlen kann man nicht nur mit Zahlen ausrechnen, sondern auch viel anschaulicher in der Gaußschen Zahlenebene geometrisch kontruieren und damit anschaulich verstehen. Das gilt insbesondere für die Grundrechenarten; unten mehr dazu.
Wenn man von einer komplexen Zahl \(z\) zu der komplexen Zahl \(-z\) übergeht, bedeutet das eine Punktspiegelung am Ursprung. Wenn man von einer komplexen Zahl \(z\) zu ihrem „komplex Konjugierten“ \(\overline{z}\) übergeht, wird das Vorzeichen der imaginären Einheit umgedreht: \(\overline{2+\tfrac{3}{2}i} = 2-\tfrac{3}{2}i\). Das entsprecht einer Oben/Unten-Spiegelung:
Der Betrag \(|z|\) einer komplexen Zahl \(z\) ist ihre Länge als Pfeil in der Gaußschen Zahlenebene, also nach Pythagoras zum Beispiel \(|3+4i| = \sqrt{3^2 + 4^2}\). Beachte: Hier steht nicht \(4i\) unter der Wurzel, sondern nur der Imaginärteil \(4\), denn es geht um die Seitenlängen des Dreiecks.
Für reelle Zahlen ist dieser Betrag der übliche Absolutbetrag, denn zum Beispiel: \[|-7+0i| = \sqrt{(-7)^2 + 0^2} = \sqrt{49} = 7.\]
Mit Hilfe des komplex Konjugierten kann man das Quadrat des Betrags schreiben: \[z \cdot \overline{z} = (a+bi)(a-bi) \stackrel{3.~\mathrm{Binomi}}{=} a^2 - (bi)^2 = a^2 - b^2 i^2 = a^2+b^2 = |z|^2 \tag{★}\]
Der Winkel (oder das Argument oder die Phase) \(\mathrm{arg}(z)\) einer komplexen Zahl \(z\) ist der Winkel zwischen ihrem Pfeil und der positiven reellen Achse, gegen den Uhrzeigersinn gemessen. Er ist nur bis auf Vielfache von \(2 \pi = 360^{\circ}\) bestimmt. Für die Zahl \(z=0\) ist der Winkel unbestimmt. Für den Tangens dieses Winkels gilt: \[\tan(\arg(z)) = \frac{\mathrm{Im}(z)}{\mathrm{Re}(z)}\]
Allerdings muss aufpassen, wenn man andersherum rechnen will, also den Winkel aus dem Verhältnis bestimmen will. Denn der Tangens ist keine umkehrbare Funktion. In der Hälfte der Fälle ist dies deshalb falsch: \[\arg(z) \stackrel{?!?}{=} \arctan\left( \frac{\mathrm{Im}(z)}{\mathrm{Re}(z)} \right)\] Am Computer hat man glücklicherweise meist eine Funktion \(\mathrm{atan2}\) zur Hand, in die man nicht das Verhältnis von Imaginärteil zu Realteil einsetzt, sondern beide getrennt voneinander: \(\mathrm{atan2}(\mathrm{Im}(z), \mathrm{Re}(z))\) ergibt \(\arg(z)\). Aber das stimmt natürlich wieder nur bis auf ganze Umdrehungen, also ganzzahlige Vielfache von \(360^{\circ} = 2\pi\).
Rechnerisch bestimmt man die Summe und die Differenz von komplexen Zahlen, als ob die imaginäre Einheit eine harmlose Zahl wäre. Für \(z_1 = 3+i\) und \(z_2 = 1+2i\) ist \[z_1+z_2 = (3+i) + (1+2i) = 3+1 + (1+2)i = 4+3i\] und \[z_1-z_2 = (3+i) -(1+2i) = 3-1 + (1-2)i = 2-i.\]
Geometrisch entspricht das der Summe
und der Differenz von Pfeilen in der Gaußschen Zahlenebene:
Rechnerisch bestimmt man das Produkt \(z_1 \cdot z_2\) von komplexen Zahlen zunächst wieder, als ob die imaginäre Einheit eine harmlose Zahl wäre. Danach berücksichtigt man noch, dass \(i^2=-1\) und fasst alles zusammen: \[(2+4i)(3+i) = 2\cdot 3 + 2i + 4i\cdot 3 + 4i^2 \\ = 6+2i + 12i-4 \\ = 6-4+2i+12i \\ = 2+14i.\]
Um zu sehen, was hier geometrisch passiert, kann man sich zunächst das Produkt der imaginären Einheit mit einer komplexen Zahl \(z\) ansehen, also \(i\, z\). Dieses Produkt mixt Realteil und Imaginarteil von \(z\) so, dass der Pfeil von \(z\) um \(90^{\circ}\) gegen den Uhrzeigersinn gedreht wird. Das sieht man an diesem Beispiel durch Abzählen der Kästchen:
Ein allgemeines Produkt \(z_1\, z_2 = (a_1+b_1i)z_2\) zweier komplexer Zahlen lässt sich nun zerlegen: \[z_1 z_2 = (a_1+b_1i)z_2 = a_1z_2+b_1iz_2\] In dieser Formel erkennt man zwei Anteile: Erstens wird die Zahl \(z_2\) so skaliert (\(a_1z_2\)), wie es der Realteil \(a_1\) der ersten Zahl angibt. Zweitens wird die Zahl \(z_2\) um \(90^{\circ}\) gegen den Uhrzeigersinn gedreht (\(iz_2\)) und dann so skaliert (\(b_1iz_2\)), wie es der Imaginärteil \(b_1\) der ersten Zahl angibt.
Im unten abgebildeten Beispiel erkennt man, dass so eine skalierte und gedrehte Version des Pfeils der Zahl \(z_1\) entsteht (blaues Dreieck wird zum orangefarbenen Dreieck). Der Drehwinkel ist dabei der Winkel \(\varphi_2\) der Zahl \(z_2\). Außerdem sind die Seiten des orangefarbenen Dreiecks aus Vielfachen des Pfeils der Zahl \(z_2\) und dessen um \(90^{\circ}\) gedrehter Kopie \(iz_2\) gebildet.
Geometrisch passiert also Folgendes: Die Längen der beiden zu multiplizierenden Zahlen werden multipliziert, ihre Winkel werden addiert (ggf. plus ein ganzzahliges Vielfaches von \(2\pi\)).
Rechnerisch bestimmt man den Quotienten \(z_1/z_2\) zweier komplexer Zahlen wieder so, als ob die imaginäre Einheit eine harmlose Zahl wäre. Es gibt dabei einen Kunstgriff, um die imaginäre Einheit aus den Nenner wegzubekommen. Dann erhält man ein Ergebnis in der üblichen Form \(a+bi\) mit reellen Zahlen \(a\) und \(b\). Dazu erweitert man mit dem komplex Konjugierten des Nenners und verwendet die Gleichung (★) von oben: \[\frac{2+4i}{3+i} = \frac{(2+4i)(3-i)}{(3+i)(3-i)} \\ = \frac{6-2i+12i-4i^2}{3^2+1^2} = \frac{(6+4) + ( -2+12 )i}{10} \\ = \frac{10+10i}{10} = 1+i.\]
Was geometrisch passiert, kann man daraus herleiten, dass die Division die Multiplikation umkehrt. Wir suchen eine komplexe Zahl \(z\) mit \(z = z_1/z_2\), also mit der Multiplikation ausgedrückt \(z \cdot z_2= z_1\). Wie die Multiplikation geometrisch funktioniert, wissen wir aber nun schon. Die letzte Gleichung \(z \cdot z_2= z_1\) bedeutet also: Wenn man die Länge des Quotienten \(z = z_1/z_2\) mit der Länge des Nenners \(z_2\) multipliziert, ergibt sich die Länge des Zählers \(z_1\). Wenn man den Winkel des Quotienten und den Winkel des Nenners addiert, ergibt sich der Winkel des Zählers (ggf. plus ein ganzzahliges Vielfaches von \(2\pi\)).
Damit kann man sagen, was bei der Division zweier komplexer Zahlen geometrisch passiert: Die Längen werden dividiert, die Winkel subtrahiert (bis auf ganzzahlige Vielfache von \(2\pi\)). Beachte die Längen und Winkel im eben rein mit Zahlen gerechneten Beispiel:
Lizenzhinweise: Diese Webseite verwendet lokale Kopien von KaTeX (MIT License) und der Computer Modern / Latin Modern Fonts (LaTeX Project Public License 1.3c / GUST Font License). Die vollständigen Lizenztexte finden sich hier.