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95 Thesen zu Bologna und Kompetenzorientierung

2019-04-21 12:25

Anlässlich des bevorstehenden 20. Geburtstags der Bologna-Erklärung habe ich mal ein paar Gedanken aus meinen ebenfalls fast 20 Jahren Lehrtätigkeit an die Pforten des Internets genagelt. Das Thema ist heikel und diffizil, deshalb bin ich für Beiträge dankbar. Vielleicht können die Thesen auch in ein Manifest münden.

Irrungen und Wirrungen der Kompetenzorientierung an der Hochschule

Kommentar vom 2019-04-25, 11:30

Erst einmal möchte ich ein großes Dankeschön für Ihre Arbeit loswerden. Aus Ihren Vorträgen in denen Sie ihre Lehrmethoden beschreiben und hinterfragen und Ihrer Arbeit zu digitalen Medien konnte ich mir schon einige praktische Kniffe abgucken und sie sind eine wahre Schatzkiste an Anregungen und Denkanstößen für meinen eigenen Unterricht. Nach Ihrem Unmut über die vielen Leser, aber wenigen Kommentatoren des Statistik-Textes, den Sie in einem Ihrer letzten Videos zum Ausdruck gebracht haben, fühle ich mich diesmal genötigt mehr zu sein als ein anonymes Erdhörnchen.

Zu Ihrem Text möchte ich ein paar Gedanken in Worte fassen, die vielleicht weitere Diskussionen anstoßen können. Dazu erscheint mir der Blog der sinnvollere Ort zu sein, als die Kommentarfunktion im Dokument.
Wegen der Zeichenbegrenzung in mehrere Kommentare aufgesplittet.

Kommentar vom 2019-04-25, 11:52

1. Scheinheiligkeit (1/2)
Meine Erfahrungen decken sich weitgehend mit Ihrer Beschreibung. In meiner Ausbildung glaube ich verschiedene Typen von Lehrenden beobachtet zu haben, die unterschiedlich auf den verordneten Wechsel zur Kompetenzorientierung reagiert haben.
Da gab es z.B. den "alten Hasen", zu finden in der Fachdidaktik. Hat lange Zeit selbst als Lehrer gearbeitet und "plaudert oft aus dem Nähkästchen". Arbeitet viel mit Beispielen aus seiner eigenen Unterrichtserfahrung. Lässt sich auf die immer neuen Ideen der Bildungspolitik zwar formal ein, lässt aber oft eine mindestens kritische (eher ablehnende) Haltung durchblicken.

Kommentar vom 2019-04-25, 11:59

1. Scheinheiligkeit (2/3)
Dann die Fachleiter in der Referendarsausbildung. Nach meinem Gefühl herrschte hier eine sehr idealistische Stimmung für ausgewählte Ideen vor. Unterricht musste überwiegend handlungsorientiert, kompetenzorientiert und vor allem konstruktivistisch aufgebaut sein. Dabei wenn möglich die digitale Werkzeugkiste bis in die letzte Ecke ausschöpfen. Die Sinnhaftigkeit dessen wurde durch diverse didaktische Veröffentlichungen begründet, deren Belastbarkeit nicht hinterfragt wurden und abweichende Standpunkte, von denen es genau so viele gegeben hätte, kaum zu Wort kamen.
Diskussionsanlässe hätte es genug gegeben. Und von den Seminarteilnehmern wären diese Diskussionen durchaus gewünscht gewesen. Raum wurde ihnen allerdings kaum gegeben. Hinterlässt insgesamt einen fahlen Beigeschmack. Wenn im Referendariat der Lehrerausbildung Didaktik und Methodik nicht kritisch hinterfragt werden, wo denn dann?

Kommentar vom 2019-04-25, 12:11

1. Scheinheiligkeit (3/4)
Schließlich das Kollegium in der Schule. Hier wird durchaus versucht Vorgaben sinnvoll umzusetzen, man scheitert aber oft an den Rahmenbedingungen und unmöglichen Zielen. Zum Beispiel die gewünschte Berufsorientierung in den Fächern (s. meinen Kommentar im Dokument). Hier wird durchaus Kritik an den Vorgaben formuliert und an die Verantwortlichen zurückgegeben in der Hoffnung Rahmenbedingungen und Ziele sinnvoller gestalten zu können. Wenn diese nicht aufgegriffen und gemeinsam an dem Problem gearbeitet wird, wird stattdessen eben ein "scheinheiliges" Papier für die Schublade produziert.
Soweit die Arbeit der Fachgruppen. Den eigenen Unterricht gestaltet man als gestandener Lehrer wohl eher nach bestem Wissen und Gewissen und den eigenen Möglichkeiten.
Die Möglichkeiten werden vor allem durch die zeitliche Belastungen (Sonderaufgaben, Verwaltung, Mehrarbeit) und die Ausstattung der Schulen eingeschränkt (begr. Räume, Überbuchungen, WLAN/Internet etc.)

Kommentar vom 2019-04-25, 12:23

1. Scheinheiligkeit (4/4)
Das Wissen ist eben begrenzt durch das, welches man aus seiner eigenen Ausbildung mitgenommen hat und den Erfahrungen, die man darüber hinaus gemacht hat.
Auf das ganze Kollegium gesehen ist das an jeder Schule eine Menge, das allerdings kaum untereinander ausgetauscht wird. Hier wird meiner Meinung nach viel potential verschenkt. Natürlich müssen für diesen Austausch zunächst entsprechend Zeit und Möglichkeiten vorhanden sein. Der Wille dazu ist m.E.n. meist vorhanden.

Kommentar vom 2019-04-25, 12:29

2. Widersprüche (1)
Das Trilemma aus festgelegten Learning Outcomes, festem Workload und Heterogenität der Lerngruppe.
Meiner Meinung nach ist letzteres in jedem Fall gegeben, egal wie strikt mögliche Eingangsprüfungen gemacht werden. Die halte ich dem Wesen nach ohnehin für bedenklich. Ich komme doch an die Universität um etwas zu lernen, nicht weil ich es schon kann.
Der Workload ist durch die verschiedenen Voraussetzungen natürlich verschieden. Wer Spitze in Mathematik ist, sich gerne damit beschäftigt und in der Schule problemlos mitgekommen ist wird für Analysis I wohl weniger Zeit investieren müssen als jemand der sich eher durchkämpfen muss.
Die Forderung, dass trotzdem beide gleich viel arbeiten müssten habe ich noch nie von einem Studenten, egal aus welcher Perspektive, gehört und als unfair wird das auch nicht empfunden.

Kommentar vom 2019-04-25, 12:45

2. Widersprüche (2)
Man könnte zudem argumentieren, dass der erste Student sich in seinem bisherigen Leben schon mehr mit Mathematik beschäftigt hat, also die Zeit bereits vorher investierte.
Die Vorgabe von 30 Stunden pro LP kam mir im Studium immer eher wie eine Orientierungshilfe vor, damit der Zeitaufwand pro Semester grob abschätzbar ist. Sicherlich ist richtig, dass viele Veranstaltungen mit weniger Aufwand zu bewältigen waren, einige aber auch mehr benötigten. Zudem manche Veranstaltungen je nach Prüfungsordnung absurderweise unterschiedlich viele LP brachten und man oft das Gefühl hatte, dass LP-Zuweisungen vor allem am Ende in die 180 Punkte für den Bachelor passen mussten. Anders kann ich mir beispielsweise 4 LP für eine Messtechnik-Vorlesung mit Übung, Tutorium und anspruchsvoller Klausur gegenüber 9 LP für Bildungswissenschaften mit Auswendiglern-Klausur nicht erklären.

Kommentar vom 2019-04-25, 12:58

2. Widersprüche (3)
Als schlimm habe ich das aber nicht empfunden. Und den Zweck der groben Orientierungshilfe haben sie erfüllt. Handlungsbedarf besteht hier aus meiner Sicht nicht. Vielleicht ist die Perspektive der Lehrenden hier grundlegend verschieden?

Die "Learning Outcomes", oder was jeder einzelne Student aus der Veranstaltung tatsächlich mitnimmt und behält, sind weder homogenisierbar noch nachprüfbar. Sinnvolle Aufgaben einer Klausur (aber auch begleitender Übungen) sind z.B. Sicherstellen, dass sich tatsächlich mit dem Stoff beschäftigt wird, keine "Illusion des Verstehens" vorliegt, aber auch "Motivation durch Können" kann gefördert werden. Und der Student erhält eine Fremdeinschätzung zu seinem Können, dass er mit seiner Selbsteinschätzung abgleichen kann.
Nicht so sinnvolle, aber aus Mangel an Alternativen praktizierte, Aufgabe der Klausur ist wohl die Zertifizierung der Kompetenz des Studenten in einem Fachgebiet mit entsprechender Note für die Ewigkeit.

Kommentar vom 2019-04-25, 13:15

Fazit
Mein Kommentar deutlich länger geworden als gedacht und ich bin an vielen Stellen deutlich weiter von Ihrem Text abgeschweift als ursprünglich gewollt. Deshalb versuche ich am Ende nochmal den Bogen zurück zur Kompetenzorientierung zu finden.
Mein Eindruck ist, dass die scheinheilige Erfüllung der Vorgaben aus den von Ihnen beschriebenen Gründen richtig dargestellt ist. Lehrende an Schulen und Hochschulen machen sich darüber hinaus aber auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten Gedanken um die sinnvolle Umsetzung und hier gibt es vielversprechende Ansätze und "best practice"-Beispiele. Sie, Herr Loviscach, gehören da meiner Meinung nach ganz vorne mit dazu.
Wünschenswert wäre, dass solche Bemühungen auch von Seiten der Politik unterstützt werden und in den Prozess der Weiterentwicklung der Kompetenzorientierung eingebunden werden.

Herzliche Grüße,
Sven Römer

Kommentar vom 2019-04-25, 18:48

Hallo Sven Römer -- und vielen Dank für den umfassenden Kommentar! Den muss ich noch erstmal auf mich wirken lassen.
Eine Sache möchte ich zurückkommentieren: Ja, die Credits werden natürlich so hin und her geschoben oder über einen so breiten Daumen gerechnet, dass zum Schluss 180 herauskommen; noch eine Scheinheiligkeit. Aber ich würde Bologna an dieser Stelle im Text zunächst an seinen Ansprüchen messen und die sind: 30 Credits im Semester sollen eine Vollzeitbeschäftigung sein. Dass Studis nicht aufmucken, die 60 Stunden pro Woche an dem Stoff arbeiten müssen, weil sie die "falsche" Schule besucht haben und/oder die "falschen" Eltern haben, zeigt für mich eher, wie geschickt das Bildungssystem darin ist, den Anschein von Ungleichbehandlung zu verdecken.
Grüße,
jl

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