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Die didaktische Luftmatratze

2019-12-13 15:30

Die Studentinnen und Studenten durch Bonuspunkte für Quizze oder durch Pflicht-Hausaufgaben zum Arbeiten anzuhalten, scheint zu funktionieren. Aber es wird höchst selten untersucht, wie sich dies auf andere Fächer auswirkt. Ich gehe inzwischen davon aus, dass es sich um ein Nullsummenspiel unter den Lehrenden handelt: Wenn in einer anderen Veranstaltung Protokolle abzugeben sind, wird es bei mir im "Flipped Classroom" leer; und wenn in einer anderen Veranstaltung Hausaufgaben abzugeben sind, sitzen viele Leute in meiner Veranstaltung an diesen Hausaufgaben und sind für das sogenannte "aktive Lernen" nicht zu haben.

Aus dem (vermeintlichen) Emissionshandel ist der Begriff "Waterbed Effect" bekannt, im Deutschen gerne als "Luftmatratzeneffekt" wiedergegeben: Das Wasser bzw. die Luft verteilt sich unter Druck einfach nur anders. Dieser Begriff scheint mir auch hier hervorragend zu passen.

Dieser Effekt dürfte dazu führen, dass ein Großteil der vielgepriesenen (und teuren) "innovativen" Interventionen verpufft, wenn man eine Gesamtbetrachtung über alle Fächer vornimmt. Aber wer würde sich trauen, dies zu untersuchen und damit das Risiko einzugehen, eine schlechte Nachricht verkünden zu müssen? Und welcher Mittelgeber würde eine solche heterodoxe Studie fördern?

Kommentar vom 2019-12-13, 16:02

Ich habe im vergangenen Semester als Tutor in Australien gearbeitet. Zu Beginn des Tutorials mussten die Studenten (oops, Studierenden ist politisch korrekt in Deutschland?) ihre Vorbereitung (auf eine bestimmte Aufgabe) vorzeigen, und es gab Punkte dafür – aber nur innerhalb der ersten 10 Minuten. Die Studentin, die in der ersten Woche 15 Minuten zu spät kam, weil sie aus ihrer vorigen Veranstaltung nicht rechtzeitig wegkam, war in den restlichen 11 Wochen pünktlich. Wer weiß, wo die Zeit herkam. ;-)
bo

Kommentar vom 2019-12-13, 16:53

Eigentlich klar, der Tag hat für die Studierenden ja auch nur 24 h und der akademische Anteil darin ist endlich. Aus Sicht der Lehrenden sehe ich aber besonders kritisch, dass Evaluierungen meist nur auf Lehrveranstaltungsebene durchgeführt werden und nur ganz selten semesterübergreifende Querschnittsevaluierungen (oder Längsschnittsevaluierungen ?) passieren. Damit werden solche Effekte viel zu wenig untersucht und beleuchtet. (M.M.)

Kommentar vom 2019-12-13, 17:45

@M.M.: Oh ja. Zum überaus endlichen akademischen Anteil siehe https://j3L7h.de/blog/2019-04-19_22_11_Zeitaufwand%20f%C3%BCrs%20Studium. Was die üblichen Umfragen ("Evaluationen") angeht: Leider sind die dort angegebenen Zeiten und erst recht die Selbsteinschätzungen zum Gelernten nicht belastbar. Ein jüngeres Beispiel für Letzteres: https://aapt.scitation.org/doi/10.1119/1.5039330. Nicht nur die Wechselwirkung interessiert niemanden, sondern auch die (fehlenden) Langzeiteffekte interessieren niemanden, zum Beispiel, dass im Abschluss-Kolloquium praktisch keine Studentin und kein Student mehr erklären kann, was Blindleistung ist. Dass ich so viel über so etwas nachdenke, ist völlig unzeitgemäß. Und ist auch schlecht für die Gemütslage. J.L.

Kommentar vom 2019-12-18, 08:01

Ich habe gestern während einer Weihnachtsfeier mit Studierenden (im dritten Bachelorsemester) über diese Thematik gesprochen. Ihrer Meinung nach ist es sowieso immer so, dass man kurzzeitig mal etwas mehr Zeit und Aufwand in das eine Fach steckt, als in andere Fächer, nicht nur weil dort gerade bepunktete Zusatzaufgaben oder Quizze für eine extrinsische Motivation sorgen, sondern weil manche Themen interessanter, einfacher, relevanter, etc. erscheinen und damit für so etwas wie eine intrinische Motivation sorgen.
Ihrer Meinung nach fällt dann halt nur den engagierten Lehrenden, die viel mit den Studierenden interagieren, auf, dass die Studierenden geistig mal mehr und mal weniger anwesend in der Lehrveranstaltung sind. M.M.

Kommentar vom 2019-12-18, 09:14

Also Ihre MAthe"vorlesungen" oder wie nennen Sie aktuell den Unterricht wenn Sie inverted classroom einbauen:Semianre..oder integrierte Vorlesung ? Wenn Studierende mit Hausaufaben anderer Kurse in Ihren VA´s sitzen, ist das keine keine Option für aktives Lernen? Wen ich Hausaufgaben aus der TheoPhy im Matheseminar durchgehen will, ist das recht einfach denn die Dozentin ist die gleiche.:-) Und ich habe mich damit zumindest soweit auseinandergesetzt, dass eine Art des inverted classrooms learnings dabei rauskommen könnte, oder? :-) - das sit als echte Frage gemeint- Fehlende Vorbereitung und der Wunsch nach Beriseselung ist doch scheinbar eines der Manki/"Mankos" der Studies an FH´s? Ein ständiges Modellieren des eigenen MAthematicas Lehrplans an die Fragen die in anderen Kursen entstehen, würde allerdings nur bei sehr offenen/ übergreifender Lehre für Synergieffektekte sorgen. ( Sonst läuft das auf Nachhilfe und nicht durchkommen mit dem "eigenen" Stoff raus.)

Kommentar vom 2019-12-18, 10:24

@Kommentator(in) von 09:14: Nein, Hausaufgaben von woanders in meinem Seminar zu lösen, finde ich nicht sinnvoll. Siehe: Multitasking. Das "aktive" Lernen würde ich übrigens immer in Anführungszeichen setzen, denn dieser Begriff ist behavioristisch und bedeutet eigentlich: "von außen (ohne EEG oder fMRI) erkennbare Lernaktivitäten". – Das Berieselungsphänomen ist definitiv keine Eigenart der FHs, siehe https://j3l7h.de/blog/2019-11-02_11_55_%22Studierendenzentriert%22%20hei%C3%9Ft%20Frontalunterricht. – Durch die Hausaufgaben bekomme ich in der Tat mit, was in den anderen Veranstaltungen läuft. Das wäre sonst schwieriger. Aber thematisch passt es nur manchmal so, dass ich darauf eingehen kann. J.L.

Kommentar vom 2019-12-21, 10:09

Gerade wieder ein altes Video über Vektorbasen von Ihnen hereingespült bekommen: ;-) Als Athene dereinst vom Olymp hinunterstieg und Didakta, eine Leinweberin, die die schönsten Geometrischen Formen in ihr Tuch einwob, schwängerte.:-) ...gebärte diese ein Mädchen, mit Namen Lovisca...

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