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Brennan & Magness: Cracks in the Ivory Tower

2020-03-04 17:35

Die meisten Menschen in den Unis und Colleges sind wahrscheinlich nicht wirklich böse, finden die Autoren von Cracks in the Ivory Tower, sondern sie sind nur schwach gegenüber irreleitenden Incentives. Ein paar Notizen:

Wer zigtausend Dollar an Studiengebühren bezahlt, erwartet selbstverständlich, dass sich das als Investition rechnet. Sonst könnte man ja auch mit den kostenlosen Angeboten im Internet lernen (S. 14). Warum ist das College überhaupt so teuer? – Weil der Staat den Ärmeren helfen will, deshalb die Studienkredite subventioniert und die Colleges dadurch die Gebühren raufschrauben können (S. 17). Wer Top-Uni sein will, muss ganz viele aussichtslose Bewerbende anziehen, um die ablehnen zu können und damit in der Statistik mehr nach Elite auszusehen (S. 47).

Oft ist nicht wichtig, wie etwas wirklich ist, sondern, was die Leute glauben, wie es ist: Wenn die Profs glauben, dass sie in der studentischen Veranstaltungskritik (vulgo: Evaluation) für hohe Anforderungen abgestraft werden, reicht das, um die Anforderungen zu senken (S. 101). Wenn Unternehmen an eine Noteninflation glauben, reicht das dafür, dass sie noch bessere Noten verlangen (S. 131). Wenn Studierende glauben, das Schummeln sei üblich, ist das für sie ein hinreichender Grund, ebenfalls zu schummeln, zumindest beim grading on a curve (S. 224).

Lustige Idee: Auf den üblichen (anonymen!) Umfragebögen könnte man doch auch mal fragen, wer geschummelt hat (S. 237).

Noten bilden meist nur eine Ordinalskala, lassen sich also nicht durch Mittelung zu Gesamtnoten verrechnen (S. 117).

Niemand ist bekennend neoliberal; wo soll also die oft beklagte Neoliberalisierung sein? (S. 241) – Meine Antwort darauf wäre: Die sickert in die Köpfe ein. Es ist ganz normal geworden, Studierende als Kundinnen und Kunden zu betrachten, mit Kennzahlen zu agieren, mit Incentives und Wettbewerben zu regieren usw.

Wenn man – als vielleicht gar nicht so abstruses Beispiel – einen Handschriftkurs für Ärzte einführte, würde sich das verselbständigen, bis zum Schluss sogar Lehrende dafür extra ausgebildet würden (S. 159ff). Das Beispiel aus der wahren Welt dafür ist der übliche Englisch-Pflichtkurs "Introductory Composition" für alle. Er verschafft den vielen Sprach-PhDs Jobs – allerdings auf unterstem fachlichen Niveau. Das lässt mich fragen, inwieweit sich das auf die Schreib-Veranstaltungen übertragen lässt, die hierzulande erstmals im Rahmen des "Qualitätspakt Lehre" eingerichtet worden sind.

Der Staat ist moralisch verpflichtet, Bildung nicht als preislos anzusehen, sondern korrekt zu bepreisen, weil er das Geld ja auch anders ausgeben könnte, zum Beispiel, um den Hunger der Welt zu beseitigen (S. 273). Das beste Argument für die staatliche Finanzierung ist vielleicht, dass der Staat das Geld sonst für etwas Schlimmeres ausgeben würde (S. 276).

Auf S. 87 behaupten die Autoren, dass der Siedepunkt von Wasser bei 100° F liege.

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