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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben.

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Gesichter hören

2020-07-04 10:59

Extremst verpixelte Bilder von Gesichtern kann man rekonstruieren, wenn man eine Audiospur dazu hat: Learning to Have an Ear for Face Super-Resolution

Food for thought: Ist dieser Algorithmus politisch korrekt? Darf man zum Beispiel, wenn man AAVE zu hören glaubt, von einer dunklen Hautfarbe ausgehen?

Kommentar vom 2020-07-04, 13:46

@J.L. Ich würde eher die Frage stellen, wie viel politisch (un-)korrekt der Algorithmus ist.
Das ist eine kontinuierliche Größe. Als gewichteter Fehler - z. B. wird der Fehler, die Hautfarbe falsch zu schätzen, sehr hoch gewichtet - könnte diese Sinn ergeben.
Fun Idea: Eine KI-Methode darauf ansetzen, diesen Fehler zu bestimmen. Hm, bräuchte es nicht dann auch eine weitere Ebene, die dessen Fehler bestimmt? Damit begibt man sich in Teufels Küche.
Aber vielleicht sind solche Gedankenexperimente dazu geeignet, bestimmte Zwickmühlen der KI-Ethik zu lösen. "If it's a dead end, just go another way." L.F.

Kommentar vom 2020-07-04, 15:11

@L.F.: Oder dazu geeignet, die KI-Forschung in einen unendlichen Regress zu verwickeln; dann wäre die kaltgestellt. J.L.

Kommentar vom 2020-07-04, 19:42

Die Frage ist unpräzise gestellt. Wer ist man, der einen Akzent zu hören glaubt und welche Implikationen hat das für dessen Tätigkeit? Die Ergebnisse einer KI, die sich aus kriminologischer Sicht der Korrelationsanalyse von AAVE oder dem Zuordnen von Stimmenprofilen beim Cybercrime widmet, wird vermutlich die ökonomischen Interessen des privaten Gefängnissystems für die Unterschicht / des liberalen Prozesswesens in den USA für die Oberschicht nicht umgehen können. Communities bestimmter Schichten sind mittlerweile stark durchmischt & Mittelschichten trainieren den Nachwuchs auf Standard English. Die sprachliche Segregation der Banlieues Frankreichs lässt sich zwar auch hören; was aber wirklich zählt, ist die Wohnadresse. Welche Rolle sollte die Hautfarbe aber bei Matheprüfungen haben können?

Kommentar vom 2020-07-04, 21:14

@Kommentator(in) von 19:42: "Man" ist der im zitierten Paper beschriebene Algorithmus. Und von wem der wie eingesetzt werden wird, weiß vorher niemand genau. – Rolle der Hautfarbe bei Matheprüfungen: Wie wäre es mit dem halo/horn effect? Umgekehrt scheinen mir aber Matheprüfungen eher ein recht reliabler Test für den familiären Hintergrund zu sein. Sonst hätte man das Fach vielleicht schon abgeschafft? J.L.

Kommentar vom 2020-07-05, 14:43

Komisch, die Mathestudis, die ich kenne, kommen aus der unteren Mittelschicht. Sind Sie als Prof. eigentlich bei Arbeiterkind engagiert? Da könnten Sie durchaus auch den Eindruck gewinnen, dass zumindest die Physik egalitärer ist als andere Fächer.

Kommentar vom 2020-07-05, 16:15

@Kommentator(in) von 21:14: Mit "Matheprüfungen" (Prüfungen!) meinte ich das Schulfach und die Nicht-Mathematik-Studiengänge. Dagegen ist ein Studiengang Mathematik eine andere Baustelle; karrierebewusste Eltern werden (das Lebenseinkommen im Auge) ihrem Kind doch eher zu Medizin oder Jura raten? – Ich erinnere mich an eine Statistik von Christina Möller, wo, was die Herkunft von Profs angeht, die MINT-Fächer im Mittelfeld lagen, Jura am elitärsten und Agrar am offensten war. – Bei ArbeiterKind.de hatte ich vor langen Jahren mal mitgemacht, aber die Resonanz war zu mau. Außerdem habe ich die Strukturen dieser gGmbH nie richtig verstanden; und ich befürchte, dass solche Aktivitäten die nötigen Änderungen im System blockieren: "Guckt mal, es geht doch!" Ich erlebe inzwischen, dass Kinder gutsituierter Eltern nach (!) dem Bachelor eine Ausbildung machen. Da könnte jemand die Zeichen der Zeit erkannt haben. J.L.

Kommentar vom 2020-07-06, 19:19

Oh, danke für den Hinweis auf die Studie, mal schauen. :-) Welche Ausbildung nach dem Bachelor, der sicher nicht in allen Fächern als Spielwiese vor dem Ernst des Lebens gilt (dazu würden mir Kunstgeschichte und eine Restaurator-Ausbildung oder Literaturwissenschaft und darauf Dolmetscher oder Soziologie und eine Ausbildung in der Marktforschung einfallen), lassen Ihre Bekannten denn den Sprösslingen angedeihen? :-) i.s.s.

Kommentar vom 2020-07-07, 09:59

@Kommentator(in) von 19:19: Das! Sind! Nicht!!1! Meine! Bekannten! ;-) Es geht um ganz schlichte Berufe mit Hammer und Zange (möchte nicht konkreter werden, Datenschutz und so). Wenn ich mir die Entwicklung meiner Handwerkerrechnungen ansehe und den Wirecard-Aktienkurs dagegenhalte, scheint mir das Handwerk in der Tat den goldeneren Boden zu haben. J.L.

Kommentar vom 2020-07-08, 15:22

"Ist dieser Algorithmus politisch korrekt? Darf man zum Beispiel, wenn man AAVE zu hören glaubt, von einer dunklen Hautfarbe ausgehen?" schrieben Sie. Ich finde es wichtig, sich diese Fragen zu erlauben, denn wenn man sich nicht mit den eigenen "Vor"urteilen auseinandersetzt, fällt man auf seine angebliche Korrektheit rein. ;-) Und Nachfahren von Menschen aus der hiesigen Mittelschicht verschiedener Herkunftsländer werden eben unterschiedlich kulturalisiert, Kinder von Indern, Chinesen, die als Ingenieure und Führungskräfte herkamen, haben schon per Zuschreibung enorme Chancen auf eine MINT-Karriere, die werden an der Uni schon so "angerufen". Kids mit dunkler Hautfarbe / Vorfahren vom afrikanischen Kontinent wird oft zugeschrieben und unterstellt, sie seien fürs Showbusiness oder Musik besser geeignet. Es prägt eben auch, was die anderen, die Kumpels etc., die Kids vom Block, der Hood, so machen und von einem erwarten.

Kommentar vom 2020-07-08, 15:35

@Kommentator(in) von 15:22: Idee für ein Experiment: Der/dem Alpha der Fraktion in der letzten Hörsaalreihe mal in Mathe eine 1,0 geben und das – natürlich datenschutzmäßig ganz korrekt – durchsickern lassen. Was wird passieren? J.L.

Kommentar vom 2020-07-27, 08:43

Ist dieser Alpha in der letzten Reihe in Mathe eigentlich ein Omega? :-)

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