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Bildung, Computer, Ökonomisierung

2020-07-25 11:32

Was wird passieren, wenn Computer/Roboter einen Menschen perfekt emulieren können?

Zum einen kann man das aus sozialökonomischer Perspektive betrachten: Können Maschinen Mehrwert liefern? (Das zu negieren, überlasse ich den einigen hier Mitlesenden, die augenscheinlich eine umfassende marxistische Schulung durchlaufen haben.)

Zum anderen kann man sich aber die Rolle des Menschen in Kunst und Kultur sowie vor allem die Rolle der Lehrenden im Bildungssystem anschauen: Wenn es keinen fachlichen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine gibt, was sollen dann noch Menschen in diesen Jobs? Mein Verdacht ist, dass auch hier Maschinen sozusagen wert-los sind: Eine Maschine hat nicht fünfzehn Jahre Geigespielen geübt; und die per KI gebaute virtuelle Differentialgleichungs-Lehrassistentin opfert nicht ihre Lebenszeit, wenn sie Stund um Stund mit jemandem die Trennung der Variablen übt. Man erfährt vom Computer keine Wertschätzung und wird ihm (ihr?) deshalb auch umgekehrt keine Wertschätzung entgegenbringen. Oder werden wir so verdummen, dass wir länger als fünf Minuten glauben, dass die Maschine sich für uns aufopfert?

Auf dieses Thema hat mich der Sammelband Scheidl/Schopf: "Ökonomisierung und Digitalisierung, 'Sargnägel' der Bildungsreform?!" gebracht (auf den Verlagsseiten nicht zu finden). Die meisten der Beiträge dort scheinen mir zu ignorieren, dass Mensch und Maschine irgendwann im Verhalten nicht mehr unterscheidbar sein könnten. Ist es dann nicht egal, ob die Maschine den Menschen "nur simuliert" und "gar nicht wirklich etwas versteht"? (Solche Formulierungen werfen für mich sofort die – im Buch conveniently nicht gestellte – Frage auf, ob denn ein Mensch "wirklich etwas versteht".) Im Buch ebenfalls verzichtbar sind Exegesen von Klafki & Co. Man stelle sich eine Physik vor, die versucht, Einstein und Feynman auszudeuten.

Der erste Beitrag im Buch ist aber sehr lesenswert: "Ökonomisierung als Steuerung von Schule, Bildung und Demokratie" von Jochen Krautz. Er erklärt, wie die powers that be Pseudo-Märkte schaffen, die sich selbst antreiben. "Schülerinnen und Schüler agieren als selbstverantwortliche Unternehmer ihres Lernerfolgs." (S. 16) "Dabei verschleiert die erweiterte Interaktivität digitaler Medien viel besser als analoge Technik, dass auch hier der scheinbar selbstbestimmte 'Lerner' allein den vorprogrammierten Möglichkeiten einer Software folgt, die er selbst weder versteht noch bestimmt." (S. 30)

Und aus Georg Lauss' Beitrag "Bildungsstandards und E-Portfolios: Widersprüchliche Formen der Gouvernementalisierung von Schule im 21. Jahrhundert?" ein Zitat: "Gleichzeitig wird mit Hilfe des E-Portfolios das selbstoptimierende unternehmerische Selbst zu Entfaltung gebracht, indem es in die rituelle Darstellung von singulären 'assets' und 'unique selling points' einführt." (S. 80)

Kommentar vom 2020-07-25, 20:39

Danke für die Beschreibungen der interessanten Aufsätze im Buch und das Neugier-Erwecken. "Man stelle sich eine Physik vor, die versucht Einstein [...] auszudeuten" Was bedeutet das Verb "ausdeuten" in dem Kontext denn? Mir bleibt der Satz inhaltlich unklar. Merci!

Kommentar vom 2020-07-25, 22:28

@Kommentator(in) von 20:39: Ich meine damit die Exegese: "Was hat uns Einstein denn eigentlich in heutigen Worten sagen wollen?" https://www.dwds.de/wb/ausdeuten. J.L.

Kommentar vom 2020-07-26, 11:27

Wie so oft ein inspirierender Artikel! ;-) Ob Maschinen Mehrwert erzeugen können, ist sehr komplexe Fragestellung, die klassische Antwort wäre "nein". Nur menschliche Arbeit könne Mehrwert erzeugen, denn Maschinen bestehen bereits aus Agglomeration von Mehrwert & Profit erschaffenden Prozessen, da in ihnen Generationen menschlicher Lohnarbeit (mit einbezogen: geistige Arbeit der Entwicklung, das aber absurderweise lange umstritten bei Marxologen, u. a., weil die Forschung seit jeher in Private Partnerships (Unis/Firmen) stattfindet). Dazu Profit bei Extraktion von Bodenschätzen, die bei Coltan o. ä. in Failed States teilweise in semifeudalen Prozessen der Landnahme (Luxemburg) gefördert werden. In marxistischer Forschung versucht man die Bedeutung von Maschinen im Akkumulationsprozess über den tendenziellen Fall der Profitrate zu theoretisieren. Ihre Physiker-Modellierungs-Kompetenzen are WANTED.

Kommentar vom 2020-07-28, 22:57

Interessant die Science-Fiction-Szenarien, in denen Roboter (das Wort kommt aus dem Russischen und bedeutet Arbeit ;-)) sich aus der abhängigen Position des Zuarbeiters entfernen und eigene "Gesellschaften" erbauen, in Konkurrenz zu oder mit einem Peu-à-peu-Verschwinden der Eiweißlinge ... Interessanterweise fällt in Robotociety meist sehr schnell das Privateigentum als sozialer & ökonomischer Einrichtung weg. Maschinen kooperieren, um eine Welt mit völlig sicherer Stromversorgung aufrechtzuerhalten; die Erdatmosphäre und die die ursprüngliche Natur als Selbstzweck interessieren nicht mehr; die Prioritäten sind andere. Wertschätzung und Aufopferung von Lebenszeit sind nichtige Kategorien. Was sind denn Ihre bevorzugten Robotofictions? Spannung ... ;-)

Kommentar vom 2020-07-29, 17:34

@Kommentator(in) von 22:57: Keine Angst, so weit erinnere ich mich noch an meinen Russisch-Kurs. Aber die Anmerkung war sicher an die anderen hier Mitlesenden gerichtet. ;-) – Dass die Roboter*innen kooperieren werden, ist eine Vorstellung der Science-Fiction-Autor*innen. Ich halte diese Vorstellung für naiv; natürlich wird ein Wettbewerb um Energie und Materialien einsetzen. – Robotofictions? Ich bin ja nicht so kulturbeflissen und kenne nur Blade Runner, Matrix und Terminator, jeweils mit mehreren Versionsnummern. J.L.

Kommentar vom 2020-08-02, 15:31

"Kulturbeflissen" :-D Was für ein Wort! Wie aus einer anderen Zeit stammend, in Zusammenhang mit Robotofiction. ;-) Die brisante Frage ist wohl, wann es zur direkten Konkurrenz um Ressourcen zwischen Robotern oder K.I.s und Informatiker-Elite kommt - und wie diese ausgetragen werden wird. Vermutlich ist eine bedeutende Entwicklung zum Schritthalten das Upgrading / die Cyborgisierung / die Exoskeletisierung eben dieser (noch) proteinösen Eliten. Die Kollegen, die mahnend und warnend auf die Bedrohung der menschlichen Spezies bzw. auf eine Zukunft als übergangsweise nützliche Idioten (petits pets) der K.I. hinweisen, sind eher selten. Oder?

Kommentar vom 2020-08-02, 19:29

@Kommentator(in) von 15:31: Ich erwarte die ersten Konfrontationen solcher Art als Cyberwar, vielleicht mit Angriffen auf die Energie-Infrastruktur und/oder politisch mit Influencer-Bots auf Twitter & Co., also nicht auf einem materiellen Schlachtfeld. Aber letzteres wird ebenfalls nicht lange auf sich warten lassen. Menschen sind einfach zu langsam, als dass das Töten (Morden? Genozid?) nicht vollautomatisiert werden wird. – Immerhin gibt es schon einen Wikipedia-Artikel. J.L.

Kommentar vom 2020-08-02, 23:29

Oh danke, den Wikiartikel kannte ich nicht; wenn etwas auf Wikipedia steht, dann bekommt es einen ganz anderen Vernetzungsgrad gedanklicher Realität. :-) Ja, vermutlich Cyberwar: Angriffe auf die Energie-Infrastruktur, was eigentlich sonst! Die Fähigkeit zur notwendige Abkoppelung der AIs von den durch Menschen vormals bereitgestellten Ressourcen, sprich der Autonomie der Energieversorgung und paralleler Netzwerke, Datentransfers, Provider, Server, Wolken - y que más? ... ist das eine Frage des Machine Learning, die schon breit diskutiert wird? Dass in der aktuellen Situation, eine vorsorgliche Parallelstruktur prädigitalisierter Stromversorgung geplant in Mache ist (es kann ja auch ein normaler Hacker-Angriff sein, der alles - man denke nur an die Uni Gießen - lahmlegt), wäre vermutlich eine Fehleinschätzung menschlicher Intelligenz, oder? Grüsse sh/i

Kommentar vom 2020-08-03, 18:40

@Kommentator(in) von 23:29: Frage der Abkoppelung: Dazu habe ich breit noch nie was gehört. Aber das _muss_ im militärischen Bereich ein Thema sein! Wie wäre es mit durch erneuerbare Energien betriebenen AI-gesteuerten Drohnen? – Ersatz-Stromversorgung: Haben nicht inzwischen alle Eigenheimbesitzenden eine inselbetriebfähige PV-/Batterie-Anlage auf dem Dach / im Keller? Oder gibt es doch noch welche mit ungebrochenem Vertrauen? J.L.

Kommentar vom 2020-08-03, 22:02

Zum Thema "Cyberwar und Energieinfrastruktur" hat Tom Schimmeck schon 2015 ein großartiges Radio-Feature gemacht: Switch off Shanghai.

Kommentar vom 2020-08-04, 18:22

Interessant! Merci.

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