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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben.

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Ein bildungswissenschaftliches Gedankenexperiment

2020-10-07 18:46

Teil 1: Angenommen, jemand erfände eine KI mit dem Codenamen "Leopold", die allen Leuten binnen 21 Tagen das Geigespielen auf Konzertreife-Niveau beibringen kann. Was würde passieren? Leeren oder füllen sich die Musikhochschulen? Leeren oder füllen sich die Publikumsräume der Konzertsäle? Würden sich die Antworten auf diese Fragen nach kurzer Zeit drastisch ändern?

Teil 2: Angenommen, jemand erfände eine KI mit dem Codenamen "Udo", die allen Leuten binnen 21 Tagen das Fußballspielen usw. usw.

Kommentar vom 2020-10-07, 20:28

Was für eine Kompetenz die KI vermitteln würde ist, glaube ich, entscheidend.
Bei allem, was Menschen auch freiwillig immer weiter treiben, wo es kein "du bist jetzt so gut, dass du die anfallenden Probleme lösen kannst" gibt – Geige spielen z. B. – würde es keinen Unterschied machen.
Wenn die KI vermitteln würde, wie man Elektroinstallationen durchführt, würden wahrscheinlich wenige noch zur Berufsschule gehen, um ihre Kunst immer weiter zu verfeinern.

Kommentar vom 2020-10-07, 21:31

@Kommentator(in) von 20:28: Mir scheint im ersten Teil des Kommentars der Verlust an Distinktion berücksichtigt werden zu müssen und im zweiten Teil die Frage, ob es ein gesellschaftlich anerkanntes Zertifikat dafür gibt. Man geht natürlich nicht zur (Hoch-)Schule, um "Kompetenzen" zu erwerben (außer in Studiengängen wie Arabistik und Astrophysik), sondern, um selbige bescheinigt zu bekommen (auch wenn die Prüfungen dafür ungeeignet sind bzw. die "Kompetenzen" fünf Minuten nach der Prüfung verblasst sind). J.L.

Kommentar vom 2020-10-07, 22:09

Auch ohne "Leopold"-KI ist doch das Konzertreife-Niveau in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen (sagen die Profis, wenn sie das aktuelle Repertoire anschauen z. B. 2012 https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/klassische-musik-steigendes-niveau-erweitertes-repertoire-11861226.html). Die Latte liegt also nun höher im Profi-Orchester als vor 50 Jahren. Was früher zur Festanstellung reichte, ist heute gutes Amateur-Niveau.
Aber welchen Einfluss sollte das nun auf die Konzertsäle oder Musikhochschulen haben? Eher gar keinen - bestenfalls sorgt es für eine größere Diversität in den Hörsälen.
(dg)

Kommentar vom 2020-10-07, 22:53

@dg: Warum sollte man sein Kind Geige spielen lassen, wenn alle anderen Kinder das genauso gut können oder könnten? Das bringts doch überhaupt nicht. Man geht doch auch nicht in den Zirkus, um sich dort anzugucken, wie jemand zehn Liegestütze macht. (Obwohl. _Das_ ist heute vielleicht schon wieder sehenswert.) J.L.

Kommentar vom 2020-10-08, 08:55

@J.L.: Das Verb "bringen" wird (von meinen Studenten) meistens verwendet, um auszudrücken, dass sie die davon ausgehenden Fertigkeiten oder Kenntnissen bestimmt niemals im Beruf anwenden, z. B., wenn man dem Maschinenbauer etwas über das Gravitationsfeld der Erde erzählt und der darauf hinweist, dass er gerne Motorräder konstruieren wolle und keine Raumstationen. Warum also Geige lernen oder Schwimmen oder kochen, wenn man doch viel schlechter sein wird als alle bekannten Geiger, Olympioniken oder Starköche?

Kommentar vom 2020-10-08, 09:40

@Kommentator(in) von 08:55: Wenn der Maschinenbau-Student Motorräder konstruieren will, dann bietet er ja immerhin schon mal eine Angriffsfläche für unsereins. Das größere Problem sind die (vielen?), die keine solche Vorstellung haben. J.L.

Kommentar vom 2020-10-10, 13:11

Eine KI, die etwas beibringt. In 21 Tagen (C++ in 21 Tagen?) ... Interessant. Wie Elon Musk es vorhat? Wie sonst?! Ist jeder Student dazu in der Lage, innerhalb von 21 Tagen zu lernen? Schafft die KI es, die Hirnstruktur anzupassen? Interessante Vorstellung.
Sind wir dann unaufhörlich damit beschäftigt, Profis in in jedem Gebiet zu werden, zwecks Machtbestrebungen?
Dass mit der heutigen Hochschule was faul ist, ist wohl jedem klar. Nicht umsonst ist es vielen Unternehmen egal, ob jemand eine FiSi-Ausbildung hat oder Informatik studiert wurde, solange man die Tools beherrscht, die das Unternehmen benötigt. Hardware ist derzeit relativ tot in OWL (zumindest wenn man E-Technik an der FH studiert hat) ...

Kommentar vom 2020-10-10, 13:11

... Das, was in den Stellen ausgeschrieben ist, wird im Studiengang kaum angeboten. SPS-Programmieren, Sprachen wie KOP und FUP? Zu billig für das FH-Niveau? Dafür C++-objektorientiert, braucht man aber kaum! Dafür wird Antriebstechnik halbgar vermittelt, Umrichter-Ansteuerung mittels SPS gar nicht erklärt. Modellbasiertes Regeln wird tiefsinnig besprochen. Dass die SPS das automatisiert verarbeitet und mit dem Wissen kein Job zu kriegen ist (Wobei es dafür auch nur wenige Experten benötigt!), ist quasi egal. Warum den Le(h|e)rplan anpassen? Layouten mittels ZUKEN, EAGLE? Wofür?! Wir machen COMSOL! Moderne Mikrocontroller, STM32? Wofür?! Wir machen das zum Wahlfach! Dafür aber bitte 200 Seiten vereinfachte, veraltete Modellrechnungen für die Modulation und Demodulation von Signalen pauken. Aber natürlich nie mit passenden Bauteilen auf einem PCB anwenden ... Wofür auch? :D

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