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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben.

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Sokratische Methode und Cold Calling

2021-01-03 11:23

Die übliche Diskussion der/des Lehrenden mit den Freiwilligen in der ersten Reihe ist nicht sokratisch. Es muss jeden erwischen können! "Frau X da hinten in Reihe 23: Wieso verwenden wir hier nicht die Variation der Konstanten?" "Herr Y neben dem Ausgang: Fassen Sie mal das Funktionsprinzip des Asynchrongenerators zusammen!"

Natürlich benötigt man für so eine Art Veranstaltung eine (zumindest gefühlte) Anwesenheitspflicht und hinreichend viele Studierende, die dann auch tatsächlich etwas beitragen können und wollen. Auf diese Art würde aber auch mal was gelernt – nicht zuletzt vorbereitend, halt der klassische Inverted Classroom. Und – ganz anders als sonst an der Hochschule – muss man etwas fürs Leben lernen: Angstbewältigung und Denken beim Sprechen.

Leider gibt es im Netz zu wenige authentische Dokumentationen dieser Art von Unterricht, sondern vor allem Spielfilmausschnitte und gestellte Szenen. Das wäre überhaupt die nächste Stufe (upping the ante, just saying): Der alltägliche Unterricht dieser Art wird mitgeschnitten und ins Netz gestellt. Hallo Elite-Unis, wär das nix für Euch, zwecks Reputation?

[Nachtrag: Take a Seat in the Harvard MBA Case Classroom]

Kommentar vom 2021-01-04, 17:35

Dazu habe ich zwei Anektdoten: Anekdote 1, (1/2): Während meinem Studium hat einer meiner Profs. (Physiker) sehr gerne Studenten aufgerufen und Ihnen Fragen zum Thema gestellt. Das hat er immer charmant gemacht – denn er hat die Studenten, die er aufgerufen hat mit Namen aufgerufen. Also z.B. so: "Frau Müller, können Sie mir bitte kurz helfen ..." oder "Herr Schmidt, haben Sie eine Idee, wie wir folgendes Problem lösen können ...". Wenn die aufgerufene Person nicht weiterwusste, sagte der Prof. auch gerne: "Kann Ihnen Ihr Sitznachbar vielleicht freundlicherweise helfen?" So hatte er gleich "zwei Fliegen auf einen Streich" ;-). Die Namen hat dieser Prof. vor Semesterbeginn den Moodle-Gruppen entnommen und diejenigen Studenten auswendig gelernt, die in Ihrem Profil ein Profilbild hatten. Die Kursgrößen waren so ca. 35 bis 50 Personen. Da natürlich längst nicht jeder ein Profilbild hatte, waren bei diesem Kreis an Studenten, die es jederzeit treffen konnte, vielleicht nur 20 Personen. D.H.

Kommentar vom 2021-01-04, 17:36

Anekdote 1, (2/2) Es war immer herrlich, die Reaktionen der Studenten zu beobachten, die das erste Mal aufgerufen wurden. Dieser Prof. ist übrigens sehr beliebt. Es wird von den Studenten – zumindest von denen, die ich kannte – geschätzt, dass sich der Prof. diese Mühe macht. D.H.

Kommentar vom 2021-01-04, 17:37

Anektote 2: (1/2)
Ein anderer Prof. (Chemie/Werkstofftechnik) hat es anders gehalten. Ihm war völlig egal, was die Studenten von ihm denken und er hat zu Beginn einer Vorlesung immer zuerst das Besprochene aus der jeweils letzten Vorlesung abgefragt. Und das immer schön der Reihe nach – jeder kam dran. Interessant war immer, zu beobachten, wann jemand auf die Toilette ging ;-). Gebracht hat es aber nichts. Derjenige kam dann später dran. Studenten, die einfach nur in der Vorlesung sitzen und ihre Ruhe wollten, haben schnell gelernt, diesen Prof zu meiden. Denn bei diesem Prof. konnte man nicht verbal ausweichen. Er hat „gerochen“, wenn man nicht, wusste wovon man sprach, und dann begann er weitere Fragen zu stellen. Antworten auf einer Metaebene waren meist tabu. Dieser Prof. wollte konkret wissen, wie man etwas tut („Wie härten Sie diesen Stahl? ... Warum funktioniert das? usw.).

Kommentar vom 2021-01-04, 17:39

A2 (2/2) Antworten, die keine waren, hat er nie akzeptiert. Dieser Prof. hatte auch bei Laborübungen, bei denen es mündliche Abfragen gab, kein Problem damit, dem Studenten ein „nicht bestanden“ zu geben. Diese Studenten mussten dann ein weiteres Mal an einer Abfragerunde teilnehmen. Wenn die Studenten wieder nicht vorbereitet waren – das gleiche Spiel. Es gab viele Studenten, die den Prof. hassten. Weit mehr jedoch schätzten den Prof. genau für diese ehrliche Verhaltensweise. Er nahm nie ein Blatt vor den Mund, war immer fair und wenn man ihn besser kannte (in den höheren Semestern), ein bodenständiger und ungespielt hilfsbereiter Prof., der seinen Job ernst nahm. Was Sie schreiben, Prof. Loviscach, „fürs Leben lernen: Angstbewältigung und Denken beim Sprechen“ kann ich nur unterstreichen. Ich sehe es jeden Tag bei meiner Arbeit. Was das angeht, bräuchten wir mehr Profs, welche die Studenten nicht (zumindest nicht immer) mit Samthandschuhen anfassen – im Beruf macht das ja auch keiner. D.H.

Kommentar vom 2021-01-04, 20:25

@Kommentator*in von 17:35: Danke für die Berichte! So zu unterrichten, beißt sich natürlich total mit der heute angesagten Kund*innenzentrierung, äh, Studierendenzentrierung. – Zu der privaten Frage nach mehr als 1000 Zeichen: Ich muss irgendwo eine Grenze gegen DDoS-Attacken ziehen, weiß aber nicht genau, ab wann es kritisch wird. Notfalls mir den Kommentar per Mail schicken; dann geht mehr. J.L.

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