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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben.

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198+ Methoden der gewaltlosen Aktion

2022-03-16 21:56

Aus Gründen stoße ich gerade auf diese Perle des Internets: Global Nonviolent Action Database. Von den 1200 (!) Fallstudien habe ich ein paar aufgemacht – die mir allesamt nicht uninteressant scheinen. Vielleicht sollte man sich die elf Beispiele aus Russland besonders gründlich angucken.

Sicherheitshalber angemerkt: "Gewaltlos" heißt dort natürlich "physisch gewaltlos". Zum Beispiel der*m Panzerkommandant*in (aka Teamleitung Panzertruppe) ein Stück frisch selbst gebackenen Kuchen aufzudrängen – einzunehmen im Kreise der Familie in der mitten auf die Straße gestellten Sitzecke –, grenzt natürlich an psychische Gewalt. Solche Aktionen könnten Dutzende, wenn nicht gar Hunderte an schwer Verwundeten Verwunderten fordern!

Kommentar vom 2022-03-17, 11:57

Also man mag mich paranoid nennen. Aber wenn im Kriegsgebiet jemand mit einem Stück Kuchen oder wie auch immer auf mich zuschreiten würde, Zivilist oder Soldat, dann würde ich vorher vielleicht noch einen Warnschuss abgeben. Ich bin allerdings nie Soldat gewesen. Ich weiß nicht genau, ob man für solche Situationen beim Wehrdienst "vorbereitet" wird.

Kommentar vom 2022-03-17, 12:09

@Kommentator*in von 11:57: Genauer gesagt: "wenn mich jemand mit einem vorgehaltenen Stück Kuchen bedroht". ;-) J. L.

Kommentar vom 2022-03-18, 11:55

@J.L.: Ja okay, dann müsste derjenige aber schon vollständig nackt sein, sonst würde er sich nicht nähern können. Und wer weiß: Vielleicht auch dann nicht. Gegen militärische Aggressoren scheint mir der militärische Widerstand oder militärische Selbstverteidigung besser geeignet zu sein. Das heißt, dass akut zunächst Waffen eingesetzt werden müssen, während weiterhin diplomatische Kanäle offen gehalten werden.

Aber was wäre, wenn alle die russischen Soldaten einfach ignorieren würden? Das wäre dann so etwas wie "non-cooperation" in jeder Hinsicht. Würde aber wahrscheinlich viel mehr Tote bedeuten, weil auch die jetzt Kriegsvertriebenen sich nicht hätten vertreiben lassen.

Kommentar vom 2022-03-18, 19:34

@Kommentator*in von 11:55: Das Problem ist, dass man nach dem "akuten" Waffeneinsatz nicht einfach auf Gewaltlosigkeit umschalten kann, schon allein, weil die Menschen auf der anderen Seite es nicht glauben würden und weil sie nun eine Rechnung offen haben. – Gewaltlosigkeit muss Opfer auf der eigenen Seite einkalkulieren, sonst ist sie nicht glaubwürdig und wird nicht funktionieren. – Es ist kontrafaktisch schwer zu sagen, welche Methode zu weniger Leiden führt (jetzt und im zukünftigen Zusammenleben!). Aber die "Logik" des Krieges zu durchbrechen, scheint mir nicht nur ethisch, sondern auch strategisch ein viel zu wenig beachteter Ansatz zu sein. J. L.

Kommentar vom 2022-03-21, 10:11

@J.L. Punkt Logik des Krieges: Aus meiner persönlichen öffentlichen Wahrnehmungsbilanz (mal so über den Daumen), würde ich sagen, dass in D der einzig beachtete Ansatz der ist, jede Kriegslogik zu durchbrechen oder gar nicht erst entstehen zu lassen - man ist friedensbewegt. Das ist gut so, finde ich. Auch ich möchte beim Brötchen-(oder von aus auch Kuchen-)kaufen nicht immer "mein altes G3" mitschleppen müssen. Soldaten aber anzuspucken oder sie als Mörder zu bezeichnen ist kontraproduktiv. Warum? Weil sie ein Teil unserer Gesellschaft sind (wie gay oder transgender people, Banker, Fondmanager, Bienenzüchter, Briefmarkensammler etc.) und wir sie brauchen - siehe Putin, Assad, "dickes Kind" etc.

Kommentar vom 2022-03-21, 10:31

@J.L. Punkt Gewaltlosigkeit: Wandel durch Handel hat weder ökonomisch noch kulturell funktioniert, beispielsweise die "1000 Russen" Touristen. Putin und seine Supporter streben nach Anerkennung als Weltmacht, sind ökonomische Zwerge, aber militärische Riesen. Gewaltlosigkeit bedeutet ihnen nichts, es ist kein zu schützendes Gut in leider zu weiten Teilen der russischen Gesellschaft. Werte sind dort nur Gewalt und Autoritarismus. Der Stärkere hat Recht. Der Westen ist schwach und deswegen verabscheuungswürdig. Pazifistische Planspiele funktionieren hier nicht, weil auf der Gegenseite keine Pazifisten stehen. Die Frage nach Gewaltlosigkeit und Vertrauen stellt sich der Gegenseite also gar nicht, weil diese ihren Gegner gar nicht als gleichwertig, sondern als minderwertig sieht. Gewaltlosigkeit stellt für sie gar keine Urteilskategorie dar. Nur wir sind es, die darin ein Gut sehen und es deshalb in unserer Beurteilung der Sachlage in diese hineintragen - um es mal mit Kant zu sagen.

Kommentar vom 2022-03-21, 10:43

@Kommentator*in von 10:11 und 10:31: Ihre Kommentare enthalten massive unbelegte Verallgemeinerungen (also Vorurteile) zu "weiten Teilen der russischen Gesellschaft". Genau so speist man die "Logik" des Kriegs. Der militärisch-industrielle Komplex dankt. J. L.

Kommentar vom 2022-03-21, 12:06

@J.L. Ich hoffe, dass Sie Recht haben!

Es gibt aber Quellen, die anders lauten, und das, ohne abseitige YouTube-Telegram-WasAuchImmer-Verschwörungs-Kanäle bemühen zu müssen (würde ich persönlich auch nicht tun): "Anfang März sprachen sich mehr als 70 Prozent der Befragten für die Durchführung einer 'speziellen Militäroperation' (wie es in der Umfrage heißt) aus, 21 Prozent waren dagegen." (https://de.euronews.com/2022/03/18/wollen-die-russen-den-ukraine-krieg-wirklich-das-sagen-die-umfragen). Hier glückerweise nur 50%: https://www1.wdr.de/nachrichten/ukraine-russland-krieg-stimmung-bevoelkerung-100.html oder auch hier "Putin's approval rating" bei zuletzt 70 % im Februar (https://www.levada.ru/en/ratings/).

Da Putin offensichtlich für das konservative oder auch nationalistisch-autoritäre Russland steht, untermauern diese Zahlen LEIDER die Behauptung, dass wir es im Fall der russischen Bevölkerung zu einem erheblichen Anteil mit einer ebensolchen Gesinnung zu tun haben.

Kommentar vom 2022-03-21, 12:31

@Kommentator*in von 12:06: Selbst, ohne dass ich mir genau angesehen habe, wie sauber diese Umfragen waren, kann ich zwei, wie ich finde, entscheidende Argumente anführen: Erstens ist die russische Bevölkerung massiv fehlinformiert. (Was kann man – auch durch gewaltfreie Aktionen – gegen diesen Umstand tun? Russland internetmäßig abzuhängen, ist vielleicht keine wirklich supertolle Idee.) Zweitens ist es ein großer Unterschied, ob man in einer Umfrage ankreuzt, dass man einer "Spezialoperation" zustimme, oder ob man im wahren Leben unbewaffnete Menschen erschießt. Ich vertraue (wie ich hier öfters schreibe) schon keinen Umfragen zu deutlich weniger heiklen Themen. J. L.

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