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Armin Nassehi: Muster

2019-11-01 11:06

Kurz gesagt: Muss man nicht lesen. Diese "Theorie der digitalen Gesellschaft" lebt im Elfenbeinturm, wobei die übermäßige Flughöhe dem Autor durchaus bewusst scheint (S. 186). Dass man – auch in der Soziologie – anders arbeiten kann, zeigt zum Beispiel Cornelia Koppetsch.

Die Grundidee, zu untersuchen, warum die Digitalisierung überhaupt auf fruchtbaren Boden fällt, (S. 28) fand ich spannend, sonst hätte ich gar nicht mit dem Lesen angefangen. Allerdings werden die Begriffe so verwässert, dass zum Schluss alles schon quasi ewig "digitalisiert" war.

Der Autor versucht, mit langatmigen Schilderungen seiner Jugend (S. 19ff) street credibility zu gewinnen. Diese fällt aber spätestens dann in sich zusammen, wenn er behauptet, dass ein 3,8-GHz-Prozessor pro Sekunde 3.800.000.000 Operationen ausführe (S. 154), wenn er von heutigen Anwendungen der Fuzzy Logic (Lang ists her!) spricht (S. 160), wenn er "unsupervised learning" nicht als stehenden Fachbegriff erkennt (S. 134), umgekehrt aber IBMs Marketing-Erfindung "cognitive computing" für einen Fachbegriff hält (S. 232).

Esoterische Schriften leiten gerne mal aus der Quantenmechanik her (?), dass alles Schwingung sei. Ähnlich wirkt es, wenn Nassehi der Binarität quasi existenzielle Bedeutung beimisst (z.B. S. 144), obwohl es für die Anwendung egal ist, ob der Rechner binär oder mit römischen Ziffern oder analog arbeitet. Man hört auf S. 144 geradezu den audiophilen Schallplatten-Liebhaber sprechen. Auch die Behandlung von Gödels Unvollständigkeitssatz (im Singular, S. 251) ist auf diesem Niveau. Die Vorstellung des Autors von "natürlicher Intelligenz" hat etwas Magisches, weil er im Endeffekt bestreitet, dass die elektrischen und chemischen Signale der Natur zeichenhaft sind (S. 260).

Wie ein Soziologe von Rang das Folgende schreiben kann, ist mir ein Rätsel: "Das Auto [...] ist und bleibt ein Gefährt." (S. 265) Denn ein Auto ist auch eine Festung (SUV), ein teures Signal zur Balz und vieles mehr.

Dass Digitalisierung nicht nur organisch in Systemen entsteht, sondern auch – insbesondere politisch – von außen forciert sein kann, scheint für den Autor kein Thema zu sein. Vielleicht bekommt man als Lehrstuhlinhaber an der LMU den Druck zur Bildungsdigitalisierung nicht mit.

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