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Warum ein Pflichtfach Informatik Unsinn ist

2020-02-02 17:08

Wenn es doch nur so einfach wäre, wie man immer wieder lesen muss – nun sogar im Editorial der aktuellen c't. Nein, gegen den Buchbinder-Fail hätte kein Pflichtfach Informatik geholfen. Wer so etwas behauptet, sollte sich fragen, was denn Fächer wie Mathematik, Deutsch, Physik, Biologie und Geschichte helfen. Die Unterstützung für ein Pflichtfach Informatik dürfte sowieso stark bröckeln, sobald dessen übrige Befürworter*innen merken, dass die Uni-Vertreter*innen mit "Informatik" gerade nicht "Windows reparieren", "PowerPoint bedienen" oder "die App für das nächste Unicorn schreiben" meinen.

Wenn es um das Programmierenlernen geht, halte ich dagegen Bootcamp-Intensivkurse für erfolgversprechend – für die Leute, die sich das geben können und wollen. Und sogar mit viel weniger Stress kann man in einem einzigen Jahr von null auf ordentliche Programmierleistungen kommen; das sehe ich hin und wieder in meinen Lehrveranstaltungen.

Das eigentliche Problem scheint für mich darin zu liegen, dass saubere Programmierung die folgenden zwei wichtigen Zutaten hat: erstens Sorgfalt und zweitens Need for Cognition. Wer tut es sich an, immer (!) alle (!) Fälle (insbesondere Fehlerfälle!) zu behandeln? Wer sucht auch nach den Ursachen für Fehler, die nur einmal in der Woche auftreten? Wer liest die Specs der jeweiligen Programmiersprache oder zumindest eine buchförmige Zusammenfassung davon von A bis Z durch? Wer guckt sich jede Woche die Infos über neue Sicherheitslücken an? – Stattdessen erlebt man sein blaues Wunder, wenn man Leute, die C++ schreiben, fragt, was der Unterschied zwischen class und struct ist, oder Leute, die Webseiten bauen, was der Unterschied zwischen var und let ist, oder Leute, die mit Python arbeiten, was die Bedeutung der zwei Unterstriche am Anfang eines Namens ist.

Eine Zwangsbespaßung mit Informatik oder "Informatik" wird das nicht ändern. Stattdessen produziert man noch mehr Leute, die Python und JavaScript zusammengooglen, ohne zu wissen, warum ihr Gebastel funktioniert – und wann es nicht funktioniert. Zur Steigerung lässt sich noch ein bisschen ebenso zusammengegoogletes Deep Learning reinrühren. Gerade die in unserem Zeitalter der sogenannten Kompetenzorientierung so beliebten Projektarbeiten üben diese saumäßige Arbeitsweise ein, wenn sie nicht massivst betreut werden.

Ein kontraintuitiver Ansatz wäre, Programmiersprachen zu verwenden, von denen man nicht (fälschlicherweise) so schnell glauben kann, man habe sie verstanden.

Kommentar vom 2020-02-25, 20:32

Meine Antwort auf den Beitrag: https://it-teaching.de/posts/2020-02-25-pflichtfachinformatik/.

Kommentar vom 2020-02-25, 21:54

@Kommentator(in) von 20:32: Vorsicht: Ich habe einschränkend geschrieben "Wenn es um das Programmierenlernen geht", nicht "Informatik ist Programmieren". Dass auch ich weiß, dass Informatik deutlich mehr oder sogar anders ist als das, wollte ich mit dem Satz "dass die Uni-Vertreter*innen mit 'Informatik' gerade nicht 'Windows reparieren', 'PowerPoint bedienen' oder 'die App für das nächste Unicorn schreiben' meinen" klar gemacht haben. Aber die Unternehmen und damit die OECD wollen vordringlich Excel-Bediener*innen und Programmierer*innen, nicht gebildete Staatsbürger*innen. – Was Scratch usw. angeht, glaube ich, dass man sich damit wunderbar von Informatik ablenken kann. Die spannenderen Fragen vom Bias in Trainingsdatensätzen bis hin zum Überwachungsstaat und zur Monopolisierung liegen für mich ganz woanders. J.L.

Kommentar vom 2020-02-26, 12:17

In Bayern gibt es da Pflichtfach Informatik seit fünfzehn Jahren, mit dem aktuellen Lehrplan deutlich ausgeweitet. Ich glaube nicht, dass Bayern dadurch mehr Leute produziert, "die Python und JavaScript zusammengooglen, ohne zu wissen, warum ihr Gebastel funktioniert", aber wenn man wollte, könnte man das sicher am real existierenden Pflichtfach überprüfen.

Kommentar vom 2020-02-26, 13:57

@Kommentator(in) von 12:17: In Bayern wird das ja vielleicht noch ordentlich statt "kompetenzorientiert" unterrichtet. J.L.

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