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Die Blog-Postings sind Kommentare im Sinne von § 6 Abs. 1 MStV. Der Verfasser ist Jörn Loviscach, falls jeweils nicht anders angegeben.

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Neues von der Klausursicherheit

2020-04-18 20:54

Hier kommt ein etwas weiter ausgearbeiteter Vorschlag, wie man alte Klausuren in Corona-Zeiten im Sinne schnellerer Pferde elektrifizieren könnte. Anmerkungen, Ideen, Meinungen dazu?

Der Aufgabenzettel wird kurze Zeit vor Beginn verschlüsselt an alle Teilnehmenden geschickt. Diese müssen bestätigen, dass sie die Datei intakt erhalten haben (Hash-Wert).

Während der Klausurzeit läuft parallel eine Videokonferenz. Zu deren Beginn wird das Password zum Entschlüsseln des Aufgabenzettels gegeben. Alle Teilnehmenden drucken sich die entschlüsselten Aufgaben aus (haben alle einen Drucker?!) oder lesen sie (sicherheitsmäßig ungeschickt) am Rechner. Die Lösung wird auf toten Bäumen aka Papier niedergeschrieben.

Jeweils ein(e) Klausi-Mitarbeiter*in beaufsichtigt 20 Studierende per Videokonferenz, prüft die Ausweise per Webcam, spricht die Studierenden hin und wieder an, um (ansatzweise) zu testen, ob Video- und Audio-Feed echt sind (Videoaufnahme in virtueller Webcam abgespielt, anderes Audiosignal eingespeist?) und guckt per Screensharing auf den Bildschirm (aber nicht mit dem neuen Screensharing von Windows 10, in dem man verdeckte Fenster freigeben kann).

Am Ende der Zeit legt jede(r) Teilnehmende alle beschriebenen Blätter nebeneinander, macht ein Foto davon und lädt das hoch. Die/der Klausi-Mitarbeiter*in begutachtet sofort die Qualität des Fotos. Die Studierenden schicken später ihre Blätter per Post nach (Frist?).

Bei der Korrektur prüft man, ob die Blätter gegenüber dem jeweiligen Foto unverändert sind. Zur Steigerung des Gefühls* von Sicherheit kann man individuelle Klausuren würfeln – aus einem Aufgabenpool oder durch eine zufällige Reihenfolge der Aufgaben – oder die Aufgabenstellungen als solche randomisieren.

* Ja, es geht um das Gefühl, wie bei der Kontrolle am Flughafen. Vielleicht sind solche kollektiven Verhaltensmuster eigentlich nur postmoderne Reinigungsriten.

Kommentar vom 2020-04-18, 23:13

Hier ist das mit der Beaufsichtigung per Videokonferenz schon mal realisiert:
https://youtu.be/WQSO_IcuOfM?t=345
Ansonsten kann man sich die Verschlüsselung und den Hash-Wert, den außerhalb der Informatik sowieso nur ein Bruchteil der Studierenden in der Lage sein wird, zu ermitteln (vielleicht ist das schon die erste Aufgabe?), sicher auch sparen und den Aufgabenzettel einfach just-in-time verschicken. Korrupte PDF-Dateien fallen ja dann meist auch zeitnah auf.
Datenschutzrechtlich, aus Sicht des Organisationsaufwandes und insbesondere mit Blick auf das Signal, das man damit an die Studierenden sendet, würde ich aber schwer davon abraten und eher auf mehrere kleine Open-Book-Online-Assessments setzen, in denen die Studierenden dafür etwas herausfordernde, gern auch randomisierte Aufgaben bekommen und bei der Abgabe eine Eigenständigkeitserklärung abgeben. (M.M.)

Kommentar vom 2020-04-18, 23:33

@M.M.: Für den Check des Hash-Werts zieht man einfach die Datei auf eine prüfer*innenseitig passend vorbereitete Webseite im Browser. Nirgendwo muss der Begriff "Hash" sichtbar sein. J.L.

Kommentar vom 2020-04-18, 23:45

Nochmal @M.M.: Welches Signal sendet man denn an die Studierenden? Etwa dieses Signal: "Es ist ok, wenn ihr eine(n) Ghostwriter(in) anheuert – wenn ihr euch das leisten könnt."? Bei einer Abschlussarbeit finde ich dagegen eine Eigenständigkeitserklärung ok, denn ich habe dann das Wachsen der Arbeit und so einige Diskussionen erlebt; beim üblichen Fall einer Abschlussarbeit in einem Betrieb statt zu Hause erfahre ich sogar noch mehr. J.L.

Kommentar vom 2020-04-19, 11:32

Nein, das gewünschte Signal wäre eher: Wir vertrauen euch und stellen euch faire, sinnvolle, randomisierte und kompetenzorientierte Aufgaben, bei denen ihr gern auch mal was im Internet nachschlagen, euch kurz gegenseitig per Messenger beraten oder auch mal ein Simulationsprogramm anwerfen könnt, aber ihr werdet nicht allzu viel Zeit haben, das extensiv zu tun. Stattdessen nerven wir euch aber nicht mit technisch aufwendigem und paranoidem Überwachungsklimbim und werden euch auch nicht dabei beobachten, wie ihr euch während der Prüfung am Kopf kratzt oder in der Nase bohrt. Auch die Farbe eurer Tapete, die Aufgeräumtheit eures Schreibtisches oder eure aktuelle Frisur interessieren uns nicht. Dafür erwarten wir die Lösungen aber handschriftlich und behalten uns vor, die Handschrift über die semesterbegleitenden Einreichungen zu vergleichen. (M.M.)

Kommentar vom 2020-04-19, 12:12

Genau, das Signal [Anmerkung von J.L.: siehe Kommentar vom 2020-04-17, 23:45] sendet man, ;-) ein Abschluss ist auch nur eine käufliche Ware. Im Darknet kann man vermutlich schon Packages für Kombinierte-Klausurassistenz-Aufträge kaufen. Mal schnell alle verhauenen Klausuren nachschreiben, mit dem Assistenten vor Ort oder eben virtuell. Wenn dann verschiedene Leute drei vormals verhauene Klausuren in einem Semester bestehen, ist das ja erfreulich für die Unis und bessert deren Statistik ... Bisher waren die Klausuren noch eine gewisse Herausforderung für den freien Markt im BWL-, Mathe- und Physik-Studium. Die Lösung der Aufgabenblätter, also 40% des Leistungsnachweises, konnte man sich kaufen, das Vorrechnen an der Tafel öfters umgehen oder sich auf etwas Auswendiggelerntes einigen.

Kommentar vom 2020-04-19, 13:57

@M.M.: Vorbemerkung: Ich finde unsere punktuelle Prüferei sowieso unsinnig, weil am Tag nach der Prüfung das meiste wieder vergessen ist, im Semester danach alles. Erlebe ich ständig. Und nun zum Thema: Erstens haben wir die Studierenden in 13 Jahren Schule und x Jahren bisherigem Studium auf den Kampf gegen unseren Überwachungsstaat getrimmt. Was wird passieren, wenn der Überwachungsstaat fällt, aber sich die Haltung nicht ändert? Zweitens: Die Befürchtungen speisen sich nicht nur aus den Vorkommnissen bei Führerscheinprüfungen, sondern aus ganz realen und mit der Zeit gehäufter* vorkommenden Ereignissen bei eigenen und benachbarten regulären Prüfungen; die Dunkelziffer könnte beträchtlich sein. Was die Neigung zu Täuschungsversuchen angeht, muss man sich ja nur die Riege ehemaliger Minister*innen ansehen. (* Das ist anekdotisch und sollte mal fundiert untersucht werden.) J.L.

Kommentar vom 2020-04-20, 09:56

Das ist wieder mal ein typisch deutsches Problem (hust *DSGVO* hust), so denke ich. Bei meiner Microsoft-MCSE-Prüfung war das auch nicht anders. Da waren auch Kameras. Aber jetzt schön fleißig mit Zoom, Skype und Co. die eigenen Daten teilen (über Facebook und WhatsApp sprechen wir am besten gar nicht erst).

Prinzipiell finde ich die Idee gut, aber als Student hat man immer noch zu viele Möglichkeiten zu betrügen. Wie bereits erwähnt worden ist, das ist wie die Kontrollen am Flughafen. Sie sollen nur den Anschein von Sicherheit (hier Fairness) bewahren.

Kommentar vom 2020-04-21, 09:36

Bin Prof an einer FH in Berlin. Habe letzte Woche eine Remote-Klausur durchgeführt, das war/ist hier erlaubt. 10 Teilnehmer über Adobe Connect. Kameras mussten so ausgerichtet werden, dass der ganze Schreibtischbereich zu sehen war. Klausur 10 Minuten vorher als PDF-Download per Moodle zum Ausdrucken. Ausgefüllte Klausurblätter wurden dann mit Smartphone fotografiert und per E-Mail zugesendet. Es waren Studierende eines Onlinestudiengangs. Hat prima funktioniert.

Kommentar vom 2020-04-21, 10:28

Wer betrügen will und es technisch kann, wird betrügen! In meiner Schullaufbahn auch schon häufig erlebt. Aber ich denke mir auch immer: 'Na gut, jetzt hat der/die Prüfer*in alles Mögliche gemacht, um die Studierenden am Spicken zu hindern, und diejenigen, die sich damit trotz alldem noch befassen, haben meistens doch so viel im Kopf, dass sie eigentlich auch die Prüfung ohne Spicken bestehen würden.' Natürlich bin ich der Meinung, dass es, so gut es geht, zu verhindern ist. ABER dann müssten dann auch bei Anwesenheitsprüfungen Klausi-Mitarbeiter*in beispielsweise immer mit auf die Toilette gehen. Denn da könnte ja auch ein verstecktes Handy liegen, Wearables zwischen Toilettenrand und Deckel eingeklemmt oder gar ein Double.

Kommentar vom 2020-04-21, 10:45

@Kommentator(in) von 10:28: Interessanterweise geht in meinem Klausuren höchst selten jemand zur Toilette. Der Zyniker in mir hätte gerade fast noch ergänzt: Es scheint also bessere Wege zu geben. ;-) Übrigens kann man das Handy einfach ins Schließfach legen oder an einen PC in den Pool-Räumen gehen. J.L.

Kommentar vom 2020-04-24, 01:26

Sehr guter, interessanter Kommentar von J.L. am 2020-04-19, 13:57:
"@M.M.: Vorbemerkung: Ich finde unsere punktuelle Prüferei sowieso unsinnig, weil am Tag nach der Prüfung das meiste wieder vergessen ist, im Semester danach alles."
Die Konsequenz wäre doch die Abschaffung dieser punktuellen Prüfungen.
Es sollte doch das Können gemessen werden; jede Messung macht auch Fehler; und um das "Können-Signal" gut zu messen, muss es mit entsprechender Frequenz "abgetastet" werden.
Gruß, MartinH

Kommentar vom 2020-04-24, 09:44

@MartinH: Vor allem auch _nach_ der Lehrveranstaltung. Aber das Problem dürfte sein, dass organisiertes Testen zu dem Unsinn führt, den wir in den USA sehen. J.L.

Kommentar vom 2020-04-25, 00:45

@J.L. - ich vermute mit "zu dem Unsinn führt, den wir in den USA sehen." ist gemeint, was heute hier beschrieben wurde:
https://j3l7h.de/blog/2020-04-24_21_40_Pr%C3%BCfungsleistungen%20outsourcen
Gruß, MartinH

Kommentar vom 2020-04-25, 10:56

@MartinH: Oh nein, nein, vielmehr dies: https://www.themetric.org/articles/the-testing-regime-in-american-public-schools. J.L.

Kommentar vom 2020-04-26, 23:53

@J.L. - vielen Dank für den Hinweis auf das "testing-regime"!
Wieder ein Beispiel für gut gedacht und schlecht gemacht. Alles nicht so einfach ...

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