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Lesen und Schreiben verlernen

2021-03-15 11:35

Der aktuelle SPIEGEL-Aufregerartikel zur Rechtschreibung könnte mehr betonen, dass es diskriminierend ist, "korrekte" Sprache als teures Signal für Bildung und Sorgfalt zu lesen: Wer hatte das "richtige" Elternhaus, um zum Beispiel trotz "Lesen durch Schreiben" die jeweils aktuell für richtig erachtete Rechtschreibung zu lernen? Und wenn irgendetwas eine soziale Konstruktion ist, dann ist das die Sprache: Wir schreiben so lange "Reflektion" (jüngst schon wieder in einem offiziellen Text gesehen), bis das endlich im Duden steht und der Verlag damit eine neue Auflage verkaufen kann.

Nicht berücksichtigt ist der Effekt der Bildungsexpansion: Wie viele Menschen aus Gaienhofen haben in den Achtzigern Abitur gemacht? Wie viele machen das heute?

Das für mich Wesentliche ist mitten im Text versteckt: der Wandel vom Lesen und Schreiben hin (oder genauer: zurück) zum Mündlichen und – wie ich ergänzen würde – zum Bildlichen, also insgesamt hin zum biologisch Primären, das man auch ohne Schule lernt. Damit einher geht ein massiver Verlust an Potenzial, komplizierte oder komplexe Sachverhalte angemessen darzustellen. (Daher stammt ein großer Teil meiner Skepsis gegenüber "kompetenzorientierten" Open-Book-Prüfungen.)

Übrigens ist auch die Fremdsprache Englisch betroffen – und das sogar im Mündlichen: Bei studentischen Präsentationen bin ich oft überrascht über die Aussprache selbst gewöhnlicher Wörter.

Kommentar vom 2021-03-15, 22:09

Diese "Reflektion" über die deutsche Sprache hat mich jetzt so verunsichert, dass ich sofort meinen aktuellen Text über "Reflexionsverhalten" kontrolliert habe, ob da die automatische Rechtsschreibprüfung/-korrektur daraus vielleicht ein "Reflektionsverhalten" gemacht hat. Aber alles gut - mein old style ist erhalten geblieben.
Gruß, MartinH

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