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Bewertungsschemata und Bürokratie-Kompetenz

2022-04-04 10:46

Man kann sagen "I know it when I see it", man kann aber auch hochdetaillierte Bewertungsschemata ("rubrics") aufstellen und minutiös auflisten, für was es wie viele Punkte gibt. Letzteres bedeutet allerdings nur, den Pudding an die Wand zu nageln. Beispiele (S. 58f, Quelle): "nachvollziehbar und schlüssig begründet" Und was ist nachvollziehbar? – "Textmenge ist angemessen" Was ist angemessen? – "Es werden seriöse und allgemein zugängliche Quellen verwendet." Aber was ist seriös: Springer-Nature-Paper? Normen, in denen nicht steht, woher die Werte kommen, die da drinstehen? (Nebenbei ein beliebtes Problem für Schüler*innen mit meinen Videos: Alle Quellen sind anzugeben, aber Videos dürfen nicht angegeben werden. Catch-22, eine Lektion fürs wahre Leben.)

Sind solche Klitzeklein-Bewertungen einer Hochschule würdig? Werden sie nicht nach und nach ausufern, weil man dem Effekt gegensteuern muss, dass die Student*innen versuchen werden, die Punkte möglichst billig abzuhaken? (Siehe Goodhart's Law und warum Google und die Schufa nicht ihre Bewertungsalgorithmen verraten.)

Allerdings sind solche Bewertungsschemata natürlich die ideale Schulung, um Kompetenzen für die Arbeit in der Bürokratie oder im Großunternehmen zu erwerben: Dienst nach Vorschrift, CYA und den Verzicht auf kreative und/oder situationsangemessene Lösungen muss man ja irgendwo auch lernen.

Voll meta ist, wenn solche Bewertungsschemata von der Leitungsebene vorgeschrieben werden und die Bewerter*innen sich dann zuerst die Endnote überlegen und im Nachgang die Teilnoten passend eintragen. Ich kenne sogar Leute, die dabei gar nicht merken, was sie da tun.

Die Verwendung der Bloom-Taxonomie in dem besagten Paper kommentiere ich hier mal nicht.

Und noch dies, damit niemand das verwechselt: Etwas anderes als Bewertungsschemata sind Checklisten. Checklisten sind dazu da, damit der Transatlantik-Flug, der Austausch der Brennelemente oder die Entfernung der Gallenblase möglichst langweilig verlaufen – nämlich ohne (wie man so schön euphemistisch sagt) Zwischenfall.

Kommentar vom 2022-04-04, 13:00

Einen qualitativen Unterschied zwischen einem Bewertungsschema und einer Checkliste kann ich nicht erkennen. Der Unterschied liegt eher darin, wem man die Beurteilung überlässt - dem Arzt, der die Gallenblase entfernt hat ("das wird schon wieder"), oder der Krankenkasse, die sich entscheiden muss, welches Krankenhaus geschlossen werden muss.
Gruss (dg)

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