Home | Lehre | Videos | Texte | Vorträge | Software | Person | Impressum, Datenschutzerklärung | Blog RSS

vorheriger | Gesamtliste | jüngste | nächster

Lehre und Lernen in kleineren oder größeren Blöcken

2020-07-23 12:34

Dass auch im Wintersemester die meisten Veranstaltungen virtuell stattfinden werden, bringt sehr viel Flexibilität in der Wahl der Zeiten: Auf Dsuuuhm gibt es zu jedem Zeitpunkt genug Räume; außerdem muss niemand pendeln. Diese Flexibilität könnte man didaktisch nutzen – und zwar, um sicherzustellen, dass die Studierenden nicht zu viel zu tun haben, aber vor allem nicht zu wenig zu tun haben und das dann hoffentlich größtenteils auch tun.

Eines der Probleme des bisher üblichen zerfaserten Stundenplans ist, dass die Lehrenden gegenseitig kaum wissen können, welche Studierenden wann mit welchem Bericht befasst sind, an welchem der verschachtelten Praktikumstermine sie dran sind usw. Deshalb ist unklar, was man verlangen kann. Und die Studierenden haben folglich den halben Tag frei – und stöhnen am Tag vor der Abgabe jedes Protokolls.

Ein Weg, dies zu verbessern, ist (wie von Rolf Schulmeister propagiert) Blockunterricht aka "One Course at a Time": Man zerlegt das Semester in Blöcke mit jeweils einem einzigen Fach, also so etwas wie drei Wochen nur Mathe, drei Wochen nur Physik usw. Am Ende jedes Blocks findet sofort die jeweilige Prüfung statt. Die bisherige Prüfungsphase am Ende jeder Vorlesungszeit kann damit weitgehend für die Lehre genutzt werden, weil 𝑛−1 Prüfungen schon gelaufen sind.

Auf diese Art kann jede(r) Lehrende mehrfach täglich mit den Studierenden arbeiten, am besten morgens, um Aufgaben aufzugeben, und nachmittags, um die Aufgaben zu besprechen. Zwischendrin gibt es ein passendes Tutorium und/oder einen virtuellen Lernraum.

Lerntheoretisch bestehen Vorbehalte gegen dieses Modell, weil es dem Spacing & Interleaving widerspricht: Man lernt langfristig besser (Fakt!), wenn man das Lernen ausdehnt und vermischt. Aber, hey, es geht nicht ums Lernen, schon gar nicht ums nachhaltige, sondern darum, Prüfungen zu bestehen. Auch im bisherigen Modell des Flickenteppich-Stundenplans ist der Umfang nachhaltigen Lernens vernachlässigbar: Dreisatz, anybody? Das Blockkurs-Modell lässt immerhin hoffen, dass die Studierenden mehr systematische und sinnvolle – da begleitete – Arbeit in das Lernen stecken als beim traditionellen Stundenplan.

Ein nicht ganz so harter Schnitt mit dem Bisherigen wäre, die Wochentage aufzuteilen: Der Montag für Mathe, der Dienstag für Physik usw. Die Lehrenden könnten dann sicher sein, dass die Studierenden ihnen am jeweiligen Tag "ganz gehören" (na ja, bis aufs Jobben – aber Bologna rechnet das Studium als Vollzeitjob). Jede(r) Prof könnte den Studierenden an "ihrem"/"seinem" Tag morgens Aufgaben für nachmittags geben und niemand darf quengeln, dass sie/er heute doch noch das Protokoll / den Vortrag / die Aufgaben für ein anderes Fach zu machen habe.

Kommentar vom 2020-07-23, 13:38

Protokolle und Projekte werden da immer rein pfuschen, weil das ja üblicherweise mehrtägige Angelegenheit sind.
Die Idee mit den 3-Wochen-Blocks finde ich nett. Ein Fach mit 3 ECTS = 75 bis 90 Stunden (je nachdem, wen man fragt), könnte so in 3 Wochen ohne Probleme absolviert werden, wenn man mit einer 40-Stunden-Woche rechnet.
So gäbe es auch wirklich mal (Zeit-)Kostenwahrheit. Denn in 3 ECTS dann doch 120 Stunden Aufwand zu verpacken, wird sehr sehr schwierig (oder auch nicht, am Abend hat man ja üblicherweise auch ganz viel Freizeit, wenn die Übung mal länger dauert).
Gehört halt zum Studium auch irgendwie dazu, dass man auf fünf Hochzeiten gleichzeitig tanzt, zwei Prüfungen und Labor am selben Tag hat und am besten immer ungute Lücken zwischen anwesenheitspflichtigen Veranstaltungen hat (ohne adäquate Lernräume zum Überbrücken, versteht sich).
CS

Kommentar vom 2020-07-23, 13:45

Fände ich gut. Wenn ich auf meinen Stundenplan schaue:
2 x Elektrotechnik
2 x Mathe
2 x Pause
3 x Physik
Wieder 2 x Elektrotechnik
Und das an einem Tag.
Wie soll man da Inhalte für den nächsten Tag aufbereiten oder wiederholen wenn man von 8:00 bis 18:30 Uhr fast durchgehend beschäftigt ist?

Kommentar vom 2020-07-23, 13:53

@CS: Die Protokolle werden dann (von der hochschulseitigen Schreibberatung live begleitet) brav in dem jeweiligen Block geschrieben; dafür ist dann Zeit vorgesehen. – Ja, ein ECTS-Punkt waren mal 30 Stunden. Aber die Inflation macht auch vor dieser Währung nicht halt. – Der Abschluss eines Studiums hat dann in der Tat keine Bedeutung mehr als teures Signal der Selbstorganisationskompetenz. Aber das hat er eigentlich jenseits der Geisteswissenschaften durch die Verschulung sowieso schon lange nicht mehr. J.L.

Kommentar vom 2020-07-23, 13:58

@Kommentator(in) von 13:45: Von 8:00 bis 18:30? Das ist dann aber an einer TU mit Eliteanspruch? J.L.

Kommentar vom 2020-07-23, 20:41

Man könnte auch zwei thematisch gut zueinander passende Blöcke am Stück unterrichten z. B. Mo, Di Astrophysik/Verfassungstheorie und Do/Fr Ex4/Rechtsphilosophie. Den Mittwoch wiederholt man die notwendigen Mathetechniken bzw. liest Kant. ;-) Am Ende des Semesters dann ein Block zu Widerstandsrecht. Lektürempfehlung.

Kommentar vom 2020-07-23, 22:20

@Kommentator(in) von 20:41: Stop! Stop!! Mir blutet das Herz. J.L.

Kommentar vom 2020-07-24, 08:37

Pardon! Soothing regards ...

Kommentar vom 2020-07-25, 17:26

Das Interleaving wurde nie perfektioniert. Häufig fehlt der Bezug zwischen den Vorlesungen oder wird von den Profs nur am Rande erwähnt und funktioniert meiner Erfahrung nach immer dann besser als andere (upps) Techniken, wenn sich die Intuitionen der Fächer gegenseitig ergänzen lassen oder Sichtweisen sich gegenseitig bereichern. Merke: Das ist eine stärkere Bedingung als thematische Nähe.
Beispiele: Regelungstechnik, Verstärkertechnik, Signaltheorie. Mathematik 2 und Physik 2 (technische FHs).

Ein großes Problem ist, dass viel zu wenig Intuition gelehrt wird. Ich fand ja Klasse, wie dieser Prof seine Elektronikvorlesung beginnt. Nach einer organisatorisch sehr aufschlussreichen Einführung direkt den Maxwell erwähnt und erklärt, was bei uns immer untergegangen ist: Dass die gesamte Netzwerktheorie Spezialfäll der Maxwellgleichungen ist und wie man sie herleitet. https://www.youtube.com/watch?v=AfQxyVuLeCs L.F.
Ref.: https://en.wikipedia.org/wiki/Lumped-element_model

Kommentar vom 2020-07-25, 17:37

"Das Blockkurs-Modell lässt immerhin hoffen, dass die Studierenden mehr systematische und sinnvolle – da begleitete – Arbeit in das Lernen stecken als beim traditionellen Stundenplan." Coole Ansage, denn nach mittelmäßigen Vorlesungen zu Hause oder in der Bibliotheksgruft allein oder mit den Buddies zu büffeln, das ist nicht studieren. Halbverstandene Übungsaufgaben von Masterstudenten ohne pädagogische Erfahrung im Tutorium runtergerockt zu sehen, noch Fragen? DAFÜR braucht man keine Universität. Warum gilt das Lernmodell, was Sie auf YouTube vorführen, nicht als Standard?

Kommentar vom 2020-07-25, 20:44

Es ist charming, wie Sie Dssuuuum schreiben. Ich denke immer an den Stress, den eine blutsaugende Malaria-übertragende Anopheles oder einfach eine Fliege mit Coli-Bakterien an den Gliedern mit dem Geräusch einem sensiblen Menschen verursachen kann. Dafür gibt es kein Fachwort, wenn man ein Wort orthografisch so verändert, dass versteckte Inhalte durchscheinen?

Kommentar vom 2020-07-25, 22:16

@Kommentator(in) von 17:26: Oh nein, Interleaving heißt wirklich, zwischendurch was ganz anderes zu machen. Zum Beispiel krame ich alle 60 bis 90 Minuten meinen aktuellen Vokabelzettel raus. – Maxwell mal so eben in der ersten Vorlesung? Damit würde man aber hierzulande (inzwischen) auch an TUs den Saal räumen. So was geht ja allenfalls mit gaaanz viel Weichspüler. J.L.

Kommentar vom 2020-07-25, 22:22

@Kommentator(in) von 17:37: Das Lernmodell Flipped aka Inverted Classroom? Weil man auf Granit beißt: "[M]any students resist active learning techniques on the grounds that they feel they are not learning." (Quelle) J.L.

Kommentar vom 2020-07-25, 22:58

Und gaaaanz viel Weichspüler haben Sie bei dem Maxwell-Video in der Stimme, herrlich. Wie Sie intonieren können, erinnert hieran. Vielleicht sollte man am Anfang der Unterrichtsstunde wieder "eine Runde singen" zur Entspannung einführen, in Israel geht das doch auch: Hava Nagilaaa. :-)

Kommentar vom 2020-07-29, 11:32

Oder man könnte die Rechnungen an der Tafel zusammen intonieren! ;-) À la "Kirchenchor"! Da wir neulich über das Erlernen von Sprachen schrieben, wollte ich diese Frage stellen: Wurden typische sprachdidaktische Übungen in der Mathedidaktik an FH erprobt? Mir "hilft"/half es zumindest gegen das anfängliche Fremdheitsgefühl, zusammen mit meinem Coach Seiten aus den Uni-Mathe-Büchern laut vorzulesen. Man lernt ja im ersten Semester das ganze altgriechische Alphabet und viele neue Zeichen, warum also nicht Alphabetisierungstechniken anwenden? Ist das eine didaktisch erprobte sinnvolle Methode? Oder typische Avantgarde-Methode für Leute, die viel Zeit, genug Geld und Lust auf ihr Nawi-Studium haben? Fürs Chinesischlernen macht das wohl auch Sinn. Grüße ishy

Kommentar vom 2020-07-29, 17:41

@Kommentator(in) von 11:32: Ich muss an dies denken. Ab der FH in Mathe habe ich das noch nicht erlebt. Wäre mal ein Experiment wert. – Im ersten Semester das griechische Alphabet lernen? Aber doch nicht mehr heute. Das ist ja nur profanes Wissen, keine Kompetenz. Tztztz. Wo kommen wir denn da hin. J.L.

Kommentar vom 2020-08-03, 16:05

Wirklich cool, das Video. Zusammen zu lesen scheint den Kids auch Spaß zu machen. Und die Gruppendynamik beim Zusammensprechen, die ähnlich wie beim Kreistanz o. ä. :-p zu sein scheint, verlangt eben, dass alle Mitmachen. Und das ist keine Schule in einem Reichenviertel in Kalifornien!

Neuer Kommentar

0 Zeichen von maximal 1000

Ich bin der alleinige Autor dieses Kommentars und räume dem Betreiber dieser Website das unentgeltliche, nichtausschließliche, räumlich und zeitlich unbegrenzte Recht ein, diesen Kommentar auf dieser Webseite samt Angabe von Datum und Uhrzeit zu veröffentlichen. Dieser Kommentar entspricht geltendem Recht, insbesondere in Bezug auf Urheberrecht, Datenschutzrecht, Markenrecht und Persönlichkeitsrecht. Wenn der Kommentar mit einer Urheberbezeichnung (zum Beispiel meinem Namen) versehen werden soll, habe ich auch diese in das Kommentar-Textfeld eingegeben. Ich bin damit einverstanden, dass der Betreiber der Webseite Kommentare zur Veröffentlichung auswählt und sinngemäß oder zur Wahrung von Rechten Dritter kürzt.